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1914 und 1939 : Die Kontinuität der Kriegspartei

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Nirgendwo war der Rückhalt des Militarismus breiter

Tatsächlich werden die Darstellungen der Julikrise bei Clark wie auch bei Münkler in weiten Kreisen als überfällige Rehabilitierung des wilhelminischen Deutschland verstanden. Träfe es zu, dass die militärische Führung und die zivile Reichsleitung nach dem Attentat von Sarajewo eine alles in allem nachvollziehbare, der Situation angemessene, keineswegs verantwortungslose Politik betrieben haben, fiele die These in sich zusammen, Deutschland habe durch die Verschärfung der Krise den großen Krieg unvermeidlich gemacht. Doch weder dem australischen noch dem deutschen Autor ist es gelungen, die unter den Historikern immer noch überwiegende Auffassung zu entkräften, dass der deutsche „Blankoscheck“ vom 6. Juli 1914 für die Donaumonarchie der entscheidende Wendepunkt war: die Entscheidung, die die Entwicklung so eskalieren ließ, dass am Ende der Weltkrieg stand.

Schwerer noch wiegt die Ausklammerung der innenpolitischen Vorgeschichte des deutschen Weges in den Ersten Weltkrieg bei Clark und Münkler. Der Militarismus war ein gesamteuropäisches Phänomen, aber nirgendwo waren die Gesellschaft und das politische Denken so militarisiert wie im Deutschen Reich. „Kriegsparteien“ gab es überall, aber nirgendwo verfügten sie über einen so breiten gesellschaftlichen und politischen Rückhalt wie in Deutschland. Er reichte vom ostelbischen Rittergutsbesitz über die Schwerindustrie und Teile des gebildeten Bürgertums bis zu den Verbänden des gewerblichen Mittelstandes und der kaufmännischen Angestellten. Deutschland war eine konstitutionelle, keine parlamentarische Monarchie. Der Reichskanzler war dem Kaiser, nicht dem Reichstag verantwortlich. Die militärische Kommandogewalt des Königs von Preußen, der zugleich Deutscher Kaiser war, bedurfte nicht der ministeriellen Gegenzeichnung - ein Relikt des Absolutismus.

Für die deutschen Kriegsideologen war die Zeit gekommen

Das Interesse der politischen Rechten, diese Zustände aufrechtzuerhalten, war evident. Daraus ergab sich eine scharfe Frontstellung gegenüber allen Kräften, die auf Demokratisierung und Parlamentarisierung des Kaiserreichs drängten, obenan den Sozialdemokraten. Während der Zweiten Marokkokrise riefen 1911 nationalistische Zeitungen nach einem Krieg, weil sie sich von ihm und nur durch ihn eine „Gesundung“ der inneren Verhältnisse versprachen.

Die Kriegspartei war vor 1914 nicht in der Lage, die Richtungen der deutschen Politik zu diktieren. Reichskanzler von Bethmann Hollweg hielt die Vorstellung, ein Krieg könnte die Monarchie festigen, für aberwitzig. Er fürchtete vielmehr, dass ein Krieg die Linke stärken und am Ende zum Sturz der Throne führen würde. Nach Sarajewo aber gab er dem Drängen der Militärs nach einem Präventivkrieg nach. Nachdem sie ihr Nahziel, den Krieg, erreicht hatte, wuchs die Kriegspartei stark an. Ihren Kampf gegen die Demokratie machten sich die deutschen Kriegsideologen zu eigen, die nun die Zeit für gekommen hielten, den französischen Ideen von 1789 ein deutsches Programm, die „Ideen von 1914“, entgegenzustellen. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit fanden ihr Gegenstück in der Verherrlichung der Volksgemeinschaft, des starken Staates und eines „deutschen Sozialismus“.

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