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Deutsche Piusbruderschaft : Der Teufel versteht die Lage besser

Direkt neben dem Fliesenfachgeschäft: Die Kapelle St. Matthias der deutschen Piusbruderschaft Bild: dpa

Nicht die Piusbrüder haben sich von Rom entfernt, sondern Rom habe sich von der ewigen Wahrheit entfernt: Das Oberhaupt der deutschen Piusbrüder erklärt in Trier, wie man Rom wieder auf die rechte Spur setzen will.

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          Die deutsche Piusbruderschaft spricht nicht mehr mit dieser Welt. Sie beantwortet keine Anfragen, gibt keine Erklärungen und verweigert alle Interviews. Aber sie spricht noch zu den Gläubigen, ja, sie legt sogar Rechenschaft vor ihnen ab: „Wo stehen wir? Unsere Beziehung zu Rom“ lautet der Titel des Vortrags von Pater Franz Schmidberger, der für den vergangenen Samstagnachmittag in der Kapelle St. Matthias zu Trier angekündigt war.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Schmidberger ist das Oberhaupt der deutschen Priesterbruderschaft des Heiligen Pius. Der Pater aus Stuttgart konnte vielleicht nicht wissen, dass am selben Tag sein Mitbruder, der Holocaust-Leugner Bischof Williamson, der Welt erklären würde, er wolle sich nun erst einmal Zeit nehmen, um in Ruhe die historischen Fakten zu prüfen. Und Schmidberger konnte allenfalls ahnen, dass am selben Tag der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz sich für die erneute Exkommunikation Williamsons aussprechen würde. Aber der Pater wusste ganz genau, warum er ausgerechnet nach Trier ging, um einen Vortrag vor kaum vierzig meist älteren Zuhörern zu halten, die sich am Stadtrand in einer schäbigen Hinterhofkapelle versammelt hatten.

          Reise ins Herz katholischer Finsternis

          Trier ist für die Kirche keine Stadt wie jede andere. Der Trierer Dom ist der älteste Bischofssitz Deutschlands und die älteste Kathedrale nördlich der Alpen. Trier war Residenzstadt Kaiser Konstantins und eine Zeitlang Regierungssitz des Weströmischen Reiches. Wie die Erzbischöfe von Mainz und Köln nahmen die Trierer Kirchenfürsten unter den Kurfürsten des Alten Reiches eine herausgehobene Stellung ein. Aber all das muss in diesen Tagen hinter der Symbolkraft der wichtigsten Trierer Reliquie zurückstehen: Der Trierer Dom, seit 1700 Jahren Bischofskirche, ist der Ort, an dem der Heilige Rock aufbewahrt wird, die Tunika Christi. Das ungeteilte und nahtlose, weil in einem Stück gewebte Gewand symbolisiert die Einheit der ungeteilten Kirche.

          Wenn Pater Schmidberger während seines Vortrags aus dem Fenster blicken würde, könnte er den mächtigen Dom der Stadt nicht sehen. Sein Auge würde über einen trostlosen Hinterhof in einem Gewerbegebiet der Trierer Peripherie gleiten. Neben dem Getränkemarkt Happy, den Montageprofis von Würth, den Damen vom Club Pegasus, einem Fachbetrieb für Gebäudetrocknung, diversen Autohäusern und einer Karosserieschlosserei hat sich hier auch Triers größter Fliesenabholmarkt angesiedelt, in dessen erstem Stockwerk die Piusbrüder ihre Kapelle eingerichtet haben.

          Der Fußboden ist mit Pressspanplatten ausgelegt, auf dem etwa zwanzig Bänke in zwei Reihen stehen. Dazwischen bedeckt ein roter Läufer den Gang zu einem schlichten Altar mit der Figur des Heiligen Matthias. Links und rechts vom Altar stehen eine Jesus- und eine Marienskulptur. Auf den Türen zu den Nebenräumen kleben Zettel mit der Aufschrift „Privat“ und „Beichte“. Hier, in der äußersten Diaspora, im Stadtrandniemandsland des Gewerbegebietes, erklärt Pater Schmidberger den aktuellen Stand in der Frage des Heils. Die Vortragsdauer ist mit dreißig Minuten angekündigt. Schmidberger spricht fast eineinhalb Stunden. Sein Vortrag ist eine Reise ins Herz katholischer Finsternis.

          Am Ende führt alles zu Gott

          Sind wir Fundamentalisten, fragt der Redner, und schaut seine Gemeinde erwartungsvoll an. Wenn Fundamentalismus bedeute, auf den Fundamenten der Kirche des Apostels Petrus zu stehen, ja, dann sei man Fundamentalist. Wenn Fundamentalismus jedoch bedeute, Andersgläubige mit Gewalt zu bekämpfen, sei man vom Fundamentalismus so weit entfernt wie irgend denkbar. Schmidberger will nicht die Andersgläubigen bekämpfen, wohl aber all diejenigen in der Kirche, deren Toleranz so weit geht, dass sie den Glauben von Muslimen, Buddhisten oder Juden anerkennen wollen.

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