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Resolution des Historikertags : Die Lehrer Deutschlands

Linksliberaler Common Sense

Migration als „historische Konstante“ habe „die beteiligten Gesellschaften insgesamt bereichert“. Wie eine solche pauschale Bilanz in Ausübung historischer Fachkompetenz erstellt werden kann, ist nicht zu erkennen. Gleichwohl soll diese Überschlagsrechnung der Grund dafür sein, „auf eine aktive, von Pragmatismus getragene Migrations- und Integrationspolitik hinzuarbeiten, die sowohl die Menschenrechte als auch das Völkerrecht respektiert“. Hier wird eine migrationsfreundliche Eindeutigkeit des Völkerrechts suggeriert, die festzustellen, wenn überhaupt, Sache von Völkerrechtlern wäre.

Die Formulierungen kommen in ihrer Allgemeinheit fast trivial daher. Aber Historiker müssen sehen, dass es sich um die Chiffren handelt, mit denen seit drei Jahren die Flüchtlingspolitik der Regierung Merkel verteidigt wird. Entsprechendes gilt für den Europa-Absatz der Resolution. „Für ein gemeinsam handelndes Europa, gegen nationalistische Alleingänge“: Das waren die Losungen der Merkel-Seehofer-Krise des Sommers, und zwar auf der Merkel-Seite. Nicht zufällig waren es Professoren aus Würzburg und Bayreuth, die Bedenken gegen die Resolution geltend machten. Die Beteuerung der Verfasser, der Text solle keine Wahlkampfhilfe leistet, wurde dementiert, als Wirsching, ausdrücklich „in Richtung Würzburg und Bayreuth“ sprechend, für das politische Engagement des Verbands das Ziel aufstellte, Koalitionen von CDU und AfD und damit AfD-Kultusminister zu verhindern. Der Änderungsantrag, als Beispiel für eine intolerable Beschimpfung des politischen Gegners dem „Volksverräter“ den „Nazi“ hinzuzufügen, wurde abgelehnt, nachdem der Zeithistoriker Axel Schildt unter großem Beifall erklärt hatte, die Stoßrichtung gegen rechts müsse eindeutig bleiben.

Im Historikermilieu scheint die Hegemonie des sogenannten linksliberalen Common Sense ungebrochen. Warum begnügen sich die tonangebenden Leute im Fach nicht damit, die soziale Macht, die ein solcher Konsens bedeutet, in den Formen wissenschaftlicher Kommunikation auszuspielen, durch Tagungen, Bücher, Zeitungsartikel und vielleicht auch Unterschriftslisten? Warum muss ein Fachverband Parteitag spielen mit Kompromissformelsuche in der Flüchtlingspolitik? Als hätten die Historiker den Grundgedanken Reinhart Kosellecks vergessen, dass politische Begriffe zwangsläufig umstritten sind, will ihr Beschluss zu viel unstreitig stellen, was streitig ist, de facto und aus guten Gründen. Im Vertrauen auf die Textsorte „Resolution“ zeigt sich eine paternalistische Einstellung gegenüber der Öffentlichkeit. Als Kollektiv der Aufgeklärten bringen die Historiker ein Expertenwissen in Anschlag, dessen ideologischer Charakter derzeit kurioserweise ein Lieblingsthema der zeithistorischen Forschung ist.

Am Ende wurden noch nicht einmal die Stimmen gezählt. Dabei wäre nicht nur für die Fortsetzung der Verbandsgeschichte der Vergleich mit den Zahlen von 1893 informativ gewesen.

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