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Deutsche Geschichte : Die Jahre, die ihr kennt

  • -Aktualisiert am

November 1989: Seit neunzehn Jahren lebt die Nation in einem neuen Zustand Bild: picture-alliance / dpa

In der nächsten Woche erscheint der letzte Band von Hans-Ulrich Wehlers Deutscher Gesellschaftsgeschichte. Der neueste Lesesaal der F.A.Z., der am Montag öffnet, lädt die Leser ein, ihre eigene Geschichte zu erzählen: eine Revision der alten Bundesrepublik.

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          Wir wollen in der Zeitung und im Internet über das diskutieren, was uns gemacht hat: die Geschichte der Jahre neunundvierzig bis neunzig. Nicht um, wie Ebay das neuerdings anbietet, sich mit altem Spielzeug seine Vergangenheit wieder zusammenzukaufen, obwohl auch das ein Zeichen für die historischen Räume ist, die das Internet eröffnet. Wir wollen herausfinden, wie sehr die Bundesrepublik, die wir kannten, Geschichte geworden ist und was von ihr noch heute unsere Erwartungen und Hoffnungen bestimmt.

          Der Anlass ist ein Buch. In wenigen Tagen erscheint der fünfte und letzte Band von Hans-Ulrich Wehlers Gesellschaftsgeschichte. Titel: „Bundesrepublik Deutschland und DDR 1949–1990“. Das Werk, dessen erster Band 1987 erschien, ist selbst ein Objekt historischer Beschleunigungsprozesse. Damals schien Bonn die letzte Ausfahrt deutscher Geschichte zu sein, die DDR hatte Ewigkeitscharakter, und der beliebteste Weg zum schnellen Datenaustausch war das Faxgerät.

          Die saturierte Gutmütigkeit

          Der Untersuchungsgegenstand hat sich verändert. Und auch die Untersuchten, die Deutschen selbst. Viel stärker, wie vielen scheint, als in den Jahrzehnten vor 1990. Wehlers Werk endet mit der Wiedervereinigung. Die Mehrheit der heute lebenden Deutschen hatte bis zu diesem Tag die Phase ihrer mentalen, psychologischen und sozialen Grundprägung bereits durchlaufen. Sozialstaatliche Garantien sind in der Bundesrepublik in den siebziger Jahren gleichsam auf jeden Lebenslauf gestempelt worden. Das Gefühl, dass eine vernünftige soziale Marktwirtschaft allen nutzt und niemanden fallenlässt, war einst ein „Wunder“ und von den siebziger Jahren an Lebensgefühl der nachwachsenden Generation. Diese Menschen, die ihre Erfahrungen in der wenn auch saturierten Gutmütigkeit der alten Bundesrepublik gemacht haben, bilden auch heute noch die Mehrheit des Landes.

          Beschließt seine Gesellschaftsgeschichte: Hans-Ulrich Wehler
          Beschließt seine Gesellschaftsgeschichte: Hans-Ulrich Wehler : Bild: picture-alliance/ dpa

          Die Bürger der DDR hatten Abschied zu nehmen von einer Lebensform, tauschten sie aber gegen eine neue, die in allen Details vorgebildet war: die des Bundesbürgers des Jahres 1988. Heute ahnen wir, dass dieser Bundesbürger eine historische und ökonomische Ausnahmeerscheinung war. Deshalb haben manche ihrer früheren Bewohner heute das Gefühl, in Versprechungen eingewilligt zu haben, die sich als Bluff erwiesen haben. Viel dramatischer, weil unscheinbarer und dauerhafter erfasst dieses Gefühl der Kränkung längst auch die Bewohner Westdeutschlands. Nicht nur die Bevölkerung der Ex-DDR, auch die der alten Bundesrepublik befindet sich seit 1990 in einer Phase traumatisierender Abschiede von Garantien, auf denen ganze Lebensläufe aufbauen. Wer das Deutschland des Jahres 2008 verstehen will, muss begreifen, dass es weniger in Ost und West geteilt ist als in zwei Zeitzonen: in die Zeit vor 1990 und in die Zeit danach.

          Was wir verloren haben

          Deshalb ist das Erscheinen von Wehlers Buch weit mehr als ein wissenschaftsgeschichtliches Datum. Es gibt die Möglichkeit, herauszufinden, was es ist, das wir verloren haben. Mehr noch: Es eröffnet die Chance, nicht nur Wehlers Deutung, sondern auch die alte Republik einer Revision zu unterziehen. Und damit sich der Frage anzunähern, welche unserer Erwartungen und Hoffnungen sich nur daraus speisen, dass in unserem Unterbewusstsein immer noch Heinz-Oskar Vetter und Helmut Schmidt konferieren.

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