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Deutsche Geschichte : Die Jahre, die ihr kennt

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Wehlers Buch ist kontrovers. Seine Deutung der DDR als Fußnote der Geschichte wird ebenso Widerspruch erregen wie sein Hinweis auf den islamischen Fundamentalismus als „politische Pest“ der Gegenwart. Man kann in Internetzeiten ein solches Buch des Präzeptors einer kritischen Geschichtswissenschaft in demokratisierender Absicht nicht nur rezensieren oder unter Fachgesichtspunkten diskutieren. Zwar werden Wissenschaftler und Publizisten im Lesesaal der F.A.Z. im Internet auf die Positionen Wehlers reagieren. Gleichzeitig aber werden unsere Leser mitwirken, jeder als historisches Subjekt, das seine eigene zeitgeschichtliche Erfahrung mitteilt.

Was geben wir preis?

Deshalb bitten wir die Leser, am Zeitfaden der Debatte ihre eigenen zeitgeschichtlichen Erinnerungen, Deutungen und Erfahrungen der Jahre bis 1990 mitzuteilen. Wie sehen wir heute das, was viele von uns erlebt haben? Was muss man, als Historiograph seines eigenen Lebens und seiner Anschauungen, im Nachhinein revidieren? Und was ist es, was wir im Begriff sind, preiszugeben? „Die Jahre, die ihr kennt“ lautet ein melancholischer Buchtitel von Peter Rühmkorf aus dem Jahre 1972.

Viele Historiker werden sich in unserem Lesesaal äußern, aber das Feld wird ihnen nicht allein gehören: Meinungen sind erwünscht, aber auch Erinnerungen, Dokumente, Hinweise. Der Bruch mit der Vergangenheit kleidet sich manchmal in alltägliche Formeln. Die Wendung der alten Bundesrepublik, wenn es um sozialstaatliche und gesellschaftspolitische Entwicklungen ging, lautete stets: „Es wird nie passieren, dass...“ Heute lautet sie: „Man hätte nie gedacht, dass...“ Das kennzeichnet aber nicht mehr die historische Sensation, die einst der unerwartete Fall der Mauer bedeutete, sondern den Widerstand, den man verspürt, weil einem neue, unerwünschte Lebensformen aufgezwungen werden sollen.

Der berechtigte Triumph der SPD

Die Debatte, die wir von Montag an in der Zeitung und im Internet führen werden, dreht sich also auch darum, welche Ansprüche wir erworben haben, Ansprüche, die wir womöglich längst vergessen haben wie beispielsweise die katholische Soziallehre, auf die wir uns aber im Zeichen neoliberaler Globalisierungsideologien berufen können.

Wehlers Buch erscheint ein Jahr vor dem zwanzigjährigen Jubiläum des Mauerfalls. Zwanzig Jahre Mauerfall, das ist bereits die Hälfte der Lebenszeit der alten Bundesrepublik. So lang bereits lebt die Nation in dem neuen Zustand. Und es mag reine Zahlenmagie sein, aber 1969 kennzeichnet genau den Zeitpunkt, an dem die alte Republik ihre erste große Transformation erlebte: den historischen und berechtigten Triumph einer SPD, die in Willy Brandt und ein paar Jahre später in Helmut Schmidt ihre überzeugendsten Repräsentanten hatte. Wer Augen hat zu sehen, spürt, dass wir erneut vor einer Zäsur stehen. Man soll die nicht tadeln, die durch einen Blick in die Geschichte herausfinden wollen, warum ihnen dabei so ungut ist.

Der F.A.Z.-Lesesaal zu Hans-Ulrich Wehlers Deutscher Gesellschaftsgeschichte öffnet am Montag, dem 25. August.

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