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Deutsche China-Experten : Sie nehmen zu viel Rücksicht

Selbstfotografie mit Handy: Ai Weiwei nach seiner Operation in München Bild: ddp

Der bekannte chinesische Künstler Ai Weiwei liegt seit Montag in einer Münchner Klinik - wegen einer Gehirnblutung, die wohl auf Wochen zurückliegende Schläge in einem chinesischen Gefängnis zurückzuführen ist. Diese Umstände zeigen ein weiteres Mal, dass Deutschland dringend sein China-Bild überprüfen muss.

          „Es ist ein gefährliches Land.“ So lautet das gestrige Urteil von Ai Weiwei, dem international bekanntesten chinesischen Künstler, über seine Heimat. Ai, der zur Vorbereitung einer Ausstellung nach Deutschland gekommen war, liegt seit Montag im Münchner Klinikum Großhadern, weil man eine Gehirnblutung festgestellt hat, die sofort operiert werden musste. Vor fünf Wochen war der Künstler festgenommen worden, als er in die Stadt Chengdu gereist war, um dort als Zeuge zugunsten eines angeklagten Umweltschützers auszusagen, der wie Ai die Umstände des Einsturzes mehrerer Schulgebäude beim großen Erdbeben des vergangenen Jahres untersucht. Bei seiner Festnahme wurde Ai verprügelt. „Die Gehirnblutung ist ein direktes Ergebnis der Schläge“, sagt er jetzt. Die deutschen Ärzte hätten ihm erklärt, er sei damals nur knapp einem Koma entronnen.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Solche Behandlung droht in China also selbst den prominentesten Bürgern, sofern sie sich nicht willig zeigen, die offiziellen Verlautbarungen über den Zustand des Staates zu akzeptieren. Ai ist ein systemkritischer Künstler, der seine Attacken dadurch zu verbrämen versteht, dass er sie als allegorische Aktionen gegen die chinesische Tradition ausführt. Die teilweise Übermalung mehrerer hundert antiker Porzellantöpfe, die ihn im Westen berühmt machte, konnte man auch als Absage an die vorkommunistische Zeit deuten – zumal Ai regelmäßig auf dem eigenständigen Weg Chinas in die Moderne beharrt und sich fremde Einmischung verbeten hat.

          Naiv ist besser als zynisch

          Der mühsam und für die Frankfurter Buchmesse blamabel aus der Welt geschaffte Eklat vom Wochenende, als eine staatliche chinesische Delegation drohte, wegen des Auftritts zweier Dissidenten eine Konferenz zum Thema China zu sprengen, hat bewiesen, dass Ais Position sich oberflächlich mit den Interessen der Regierung in Peking und denen mancher westlicher Experten deckt. Jeweils plädiert man für das Recht Chinas auf eigene Entwicklung und wirft den Kritikern des Regimes Ignoranz und kolonialistische Überheblichkeit vor.

          Aber was riskiert im Gegensatz zu Ai ein deutscher Sinologe wie der durch zahlreiche Veröffentlichungen zum Thema in den letzten Jahren hervorgetretene Direktor der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel, Helwig Schmidt-Glintzer, dabei? Er nahm auch an der Frankfurter Konferenz teil, und in seinem jüngsten Buch, „Chinas Angst vor der Freiheit“ (C. H. Beck), steht: „Statt die kulturellen Voraussetzungen der Modernisierung Chinas zu verstehen, wird dort oft nur das als Mangel angeprangert, was wir selbst glauben erreicht zu haben.“ Sprich: Genau hinsehen bringt nichts, solange man nicht Sinologe ist; setzen wir lieber auf Wandel durch Abwendung und lassen China mal machen.

          Dabei will und kann niemand in China intervenieren oder das Land massiv unter Druck setzen. Aber kritisieren dürfen sollte man es ebenso wie jede andere Institution – und eine naive Haltung ist dabei besser als eine zynische. Schmidt-Glintzer konstatiert im Hinblick auf China: „An Demokratie ist in naher Hinsicht nicht zu denken.“ Man hat nicht das Gefühl, dass ihm das leid täte. Größere Freiheitsspielräume im künftigen China erkennt er; nur müssten die den Chinesen überlassen werden. Westliche Moralvorstellungen schadeten da nur.

          Die sozialen Kosten dieses Experiments

          Diesen Fatalismus weisen nicht nur Gelehrte wie der 1948 geborene Schmidt-Glintzer auf, die ihre sinologische Ausbildung in einer Phase durchlaufen haben, als gar keine Chance bestand, mit Kritik in China selbst Gehör zu finden, man sich vielmehr tunlichst zurückzuhalten hatte, wenn man mit dem Land in Kontakt kommen wollte. Auch der 1962 geborene Hans von Ess, Professor für Sinologie in München, spricht vom „faden Beigeschmack“, den der Menschenrechtsdiskurs westlicher Politiker seit den amerikanische Bombenangriffen auf Afghanistan erhalten habe („Die 101 wichtigsten Fragen: China“, C. H. Beck). Und der Satiriker Christian Y. Schmidt, der in Peking lebt und seine überarbeiteten „Titanic“- und „tageszeitung“-Kolumnen unter dem Titel „Bliefe von dlüben“ (Rowohlt Berlin) herausgebracht hat, schimpft auf „den Westen“, bei dem „Menschenrechtsverletzungen, Umweltskandale, Bauernaufstände und Krawalle von Minderheiten immer gutgehen“, während ansonsten nur Klischees vermittelt würden. Als ob sein Bild vom Westen keines wäre.

          Bleibt die Hoffnung auf Vertreter einer jüngeren Sinologengeneration wie etwa den 1968 geborenen Marcus Hernig („China mittendrin“, Ch. Links), den ein Jahr älteren Thoralf Klein („Geschichte Chinas“, Schöningh) oder die 1974 geborene Kristin Kupfer („Was stimmt? China – Die wichtigsten Antworten“, Herder). Ihre Bücher verneinen den chinesischen Anspruch auf eigenbestimmte Entwicklung nicht, relativieren aber auch nicht die sozialen Kosten dieses Experiments. Damit stehen sie Ai Weiwei näher. Sein Beispiel lehrt uns, wer für Chinas autonomen Weg bezahlen muss.

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