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Deutsch ins Grundgesetz : Vor dem Sprachgesetz sind alle gleich

  • -Aktualisiert am

Anfang Juli im bayerischen Thannhausen: Zwei Asylbewerberinnen erhalten Sprachunterricht von einem ehemaligen Lehrer. Bild: dpa

Unsere Sprache ist das einzige einigende Band, das die Deutschen mit denen verbinden kann, die ebenfalls hier leben möchten. Deutsch gehört ins Grundgesetz. Das würde auch den Flüchtlingen helfen. Ein Gastbeitrag.

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          Viele Flüchtlinge und Einwanderer finden hier eine Lebenssituation vor, in der sie es sich leisten können, dass die deutsche Sprache für sie allenfalls eine lästige Nebenrolle spielt. Es ist klar, dass man sie so nur sehr schwer, wenn überhaupt lernt. Dabei ist es kaum zu begreifen, dass jemand in ein Land einwandert, ohne sich um die dortige Sprache auch nur zu bemühen. Es ist aber leider oft so.

          Jedoch trägt das Aufnahmeland Deutschland dafür die größere Verantwortung. Das Land lässt es zu, dass in seiner Mitte Menschen ohne seine Sprache und damit ohne Chancen aufwachsen. Ein richtiges Einwandererland, wie Kanada oder die Vereinigten Staaten, würde nie so fahrlässig handeln. Wer in einem Land dauerhaft und ohne akuten Fluchtgrund leben will, muss dessen Sprache beherrschen. Deutschland sendet aber gegenteilige Botschaften aus. Sein Grundgesetz nennt neben fundamentalen Rechten auch Nebensächlichkeiten wie die Namen der Bundesländer und die Farben der Landesflagge. Aber unser größtes und wichtigstes Kulturgut, die deutsche Sprache, bleibt unerwähnt. Deutsch ist in den Verfassungen Österreichs, der Schweiz, Belgiens, Luxemburgs und Liechtensteins verankert, nicht aber in dem Land, das seinen Namen von dieser Sprache hat.

          An der Einwandererkultur berauscht

          Nur so ist die Nachlässigkeit unserer staatlichen Organe, aber auch unserer Politiker, unserer Lehrer und Pädagogen unserer Sprache gegenüber zu erklären. Nur so können wir das Wissen um wahrscheinlich Millionen Menschen ohne akzeptable Deutschkenntnisse in unserem Land ertragen. Nur so konnten die aufgegebenen Stadtviertel entstehen, die Gettos, in denen unsere Sprache eine kümmerliche Rolle spielt. Und nur so können die Frontalangriffe staatlich besoldeter Kräfte auf unsere Sprache ohne großen Widerspruch stattfinden: der Europapolitiker, der Englisch als Staatssprache in Deutschland einführen möchte; der Linguistikprofessor, der sein Leben der Demontage der deutschen Sprache gewidmet hat und den Anglizismus des Jahres wählen lässt; der Integrationsminister, der Klagen über Ärzte ohne Deutschkenntnisse damit abschmettert, dass die Patienten besser Englisch sprechen sollten; die Grünen-Politikerin, die schon geringe Forderungen an die Sprachfertigkeiten der Einwanderer als Zumutung empfindet. Sie alle zerstören das einzige einigende Band, das die Deutschen mit denen verbinden kann, die ebenfalls hier leben möchten.

          Es gibt andere, gute Beispiele: Schweden gab sich bis vor wenigen Jahren noch weniger Mühe, seine Einwanderer mit der Landessprache vertraut zu machen. Sie wurden sprachlich nahezu vollkommen in Ruhe gelassen, bei Behörden und Ärzten wurden sie gerne auf Englisch bedient. Es entstanden riesige Gettos, in denen kaum ein Wort Schwedisch gesprochen wurde. Bekannte Politiker verhöhnten die schwedische Kultur und berauschten sich an der Einwandererkultur. In der Verfassung wurden verschiedene Minderheitensprachen geschützt, nicht aber Schwedisch.

          Ein Land der Sprache

          Als die Gettos brannten und nicht mehr zu verbergen war, dass mit der Einwanderung etwas nicht geklappt hatte, änderte sich die Haltung vieler Politiker. Der vielleicht wichtigste Schritt: Im Jahr 2009 nahm der Reichstag in Stockholm Schwedisch in die Verfassung auf. Seitdem steht die Sprachvermittlung im Mittelpunkt zahlreicher effektiver Bemühungen. Schwedisch wird öffentlich sichtbar positioniert. Der Vorsitzende des größten schwedischen Sprachvereins Språkförsvaret, Per-Åke Lindblom, bringt es so auf den Punkt: „Vor dem Sprachgesetz war Nacht, jetzt ist es Tag in Schweden.“

          Länder wie Norwegen und Island, in denen die eigene Sprache umfassende staatliche Anerkennung und Förderung genießt, kennen solche Probleme gar nicht. Wer in Norwegen dauerhaft einwandert, spricht nach einigen Monaten Norwegisch. In Island dauert das Isländischlernen etwas länger. Deutschland hat kein einigendes Königshaus wie die Schweden, keine makellose Geschichte wie die Norweger, keine Landnahmelegende wie die Isländer. Deutschland ist ganz vornehmlich das Land der deutschen Sprache. Ohne diese haben wir sehr wenig, was uns miteinander verbindet, und zunächst auch fast nichts, was uns mit den Einwanderern verbinden könnte. Daher muss das Land sprachpolitisch umdenken. Unsere Sprache in das Grundgesetz aufzunehmen muss dabei der erste Schritt sein.

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