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Sind die Deutschen zu weich? : Der Westen leuchtet heller

Ein falscher Putin, verirrt ins Lager westlicher Dekadenz Bild: dpa

Die russische Propaganda schimpft uns als weich und dekadent. Viele Deutsche glauben, da sei etwas dran. Aber das Gegenteil ist der Fall.

          6 Min.

          Wir, hier im Westen, haben es uns längst abgewöhnt, unsere Dichter auch als Seher zu betrachten, als Propheten, welche die künftigen Ereignisse, lange bevor da etwas sichtbar wird, schon ahnen mit feinerem Gespür - und ganz egal, ob das an uns, an unseren Dichtern oder an der Zukunft liegt: Woanders ist das jedenfalls ganz anders.

          Claudius Seidl
          Redakteur im Feuilleton.

          In Russland zum Beispiel, woher Viktor Jerofejew kommt, jener Dichter, dessen Romane schon immer auch als Ahnungen und Prophezeiungen gelesen werden wollen. Es war allerdings kein Werk der Dichtkunst, es war ein schlichter Zeitungsartikel, in welchem Jerofejew, schon im Herbst des vergangenen Jahres, als die Proteste in der Ukraine gerade erst an Schwung gewannen und von Russlands Rolle kaum die Rede war, all das kommen sah, was uns heute so beunruhigt und bestürzt.

          Es sollte in diesem Artikel eigentlich nur um Dmitri Kisseljow gehen, Russlands mächtigsten Journalisten, den Mann, der schreibt und ausspricht, was Wladimir Putin nur denkt und so pointiert nicht formulieren kann - aber anscheinend fand Jerofejew, dass man Putins schlimmsten Propagandisten nur erklären könne, wenn man zuvor ein paar Stichworte zur geistigen Situation Russlands und der Russen liefere.

          Zu weibisch, zu schwul, zu multikulturell

          Es fühle sich stark, dieses Russland, schrieb Jerofejew, und es fühle sich umso stärker, als es die Schwäche des Westens zu spüren glaube. Finanz- und Wirtschaftskrise, Streit und Zersplitterung, das habe, in der Wahrnehmung der Russen jedenfalls, die Stärke des Westens weitgehend aufgebraucht. Und die Enthüllungen Edward Snowdens, die Erkenntnis, dass die demokratischen Staaten ihre Bürger so total bespitzeln und überwachen, habe dem Westen die letzte Legitimation genommen, von oben herab, aus der Position derer, die von Rechtsstaatlichkeit und bürgerlicher Freiheit mehr verstehen, über Russland oder zu den Russen zu sprechen.

          Russland fühle sich mächtig, wie lange nicht mehr, Russland gehe jetzt „zur Offensive über. Russland führt den Angriff. Der Westen hat ihm jetzt nichts mehr zu sagen.“ Und natürlich benannte Jerofejew, darin ganz Dichter und Prophet, ein paar Ursachen, die tiefer gründen als jene politischen und ökonomischen Probleme, welche nur der Ausdruck einer umfassenden kulturellen, geistigen und seelischen Schwäche seien.

          Auf Jerofejews Mängelliste stehen all die Dinge, welche Linke und Liberale, Fortschrittsgläubige, Aufklärer und alle Emanzipationsbewegungen als Errungenschaften verbuchen. Der Westen sei zu weibisch, zu schwul, zu multikulturell geworden. Er habe seine spirituellen Quellen zugeschüttet, und seine metaphysische Gleichgültigkeit sei erschreckend. „Vom Lehrer, der die Erfolgsrezepte für Zivilisation und Komfort kennt, verwandelte sich der Westen nach und nach in einen hochnäsigen Studenten mit schlechten Noten und einer verfehlten Vorstellung von der Welt.“

          Brutale Spiritualität

          Ob er nur referiere oder ob er diese Positionen teile, das ließ Jerofejew damals offen; so richtig distanziert hat er sich nicht - und wenn man hier im Westen sitzt, zweitausend Kilometer von Moskau entfernt, dann hört man vielleicht nur die lautesten, die bösesten, die wütendsten Stimmen. Dass ein Priester auf die Frage, worin sich seine Spiritualität äußere, geantwortet habe: „Alle Homosexuellen in eine Stadt deportieren und dort erschießen“ - das hat neulich (in der F.A.Z. vom 15. April) die weißrussische Schriftstellerin Swetlana Alexijewitsch berichtet. Und jener Dmitri Kisseljow schafft es, in einem Interview einerseits zu sagen: „Die Gay-Kultur bei uns zu unterstützen käme einer Selbstliquidierung gleich.“ Und wenig später: „Wir haben die Rollen getauscht. Russland ist für die Freiheit des Wortes, der Westen schon nicht mehr.“

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