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Der Welfenschatz im Radio : Ein Raubkunstfall wird lanciert

Armreliquiarien aus dem Bestand des „Welfenschatzes” Bild: ddp

In der Sendung „Fazit“ des Deutschlandradio war jetzt zu belauschen, wie zwei Radio-Kollegen im Doppelpass einen Raubkunstfall „Welfenschatz“ inszenieren, dabei Experten durch die Beine spielen und mehrere Recherche-Fouls begehen.

          Wird das Berliner Kunstgewerbemuseum den „Welfenschatz“ verlieren? Mit dieser Frage konfrontierte „Fazit“, das tägliche Kulturmagazin im Deutschlandradio Kultur, am Mittwochabend den Vizepräsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Norbert Zimmermann. Es geht um einen Kirchenschatz, den die Welfen 1930 an ein Konsortium von vier Kunsthändlern verkauften. Etwa die Hälfte der Stücke erwarb 1935 der preußische Staat. Jetzt fordert ein Rechtsanwalt im Namen von Erben der Kunsthändler die Herausgabe. Anlass der Berichterstattung im Deutschlandradio war ein Zeitungsartikel, der diesen Rechtsstreit publik machte. Dokumente, erläuterte der Moderator Vladimir Balzer, schienen den Anspruch der Erben zu belegen: „Die Wochenzeitung ,Die Zeit' wird morgen daraus ausführlich zitieren.“

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Die Hörer erfuhren zunächst nicht, dass der Autor des „Zeit“-Artikels ein Redakteur des Deutschlandradios ist: Stefan Koldehoff. Acht Minuten stand Zimmermann Rede und Antwort, ohne dass darauf hingewiesen wurde, dass Balzer ihn zu den Thesen eines Redaktionskollegen einvernahm. Balzer hielt Zimmermann die kollegiale Sicht der Dinge als Befund einer dritten, quasi objektiven Instanz entgegen: „Aber nun scheinen ja die Recherchen, die morgen in der Wochenzeitung ,Die Zeit' erscheinen, eine andere Sprache zu sprechen.“

          Allein die Zahlen scheinen für sich zu sprechen

          Mit derselben Wendung wiederholte Balzer den Werbehinweis noch zweimal, wobei er jedesmal suggerierte, die Tatsachen, deren Erforschung Zimmermann versprach, seien durch Koldehoff bereits geklärt: „Nun scheint aber zumindest nach den Recherchen, die man ja morgen, wie gesagt, in der Wochenzeitung ,Die Zeit' nachlesen kann, tatsächlich die Lage so zu sein, dass die jüdischen Kunsthändler tatsächlich unter Druck verkaufen mussten.“ Man beachte das doppelte „tatsächlich“. Und am Ende erneut: „Nach den Recherchen der Wochenzeitung ,Die Zeit' konnten sie offenbar noch nicht einmal über diese Summe verfügen.“

          Balzer übernahm auch Koldehoffs Perspektive: Für das „ganz normale Empfinden“ liege doch auf der Hand, dass die Herausgabe erfolgen müsse. Der Wert, auf den das Konvolut vor dem Verkauf nach Koldehoffs Angaben geschätzt worden war (von wem, steht nicht im Artikel), wurde bei Balzer zum „Wert, den der Welfenschatz damals hatte“, und zum Grund für die suggestive Frage: „Allein diese Zahlen scheinen ja schon für sich zu sprechen, oder?“

          „Natürlich Unsinn“

          Nach dem Ende des (aufgezeichneten) Gesprächs mit Zimmermann dann die Enttarnung des Rechercheurs: „Und der erwähnte Artikel in der ,Zeit' stammt von meinem Kollegen Stefan Koldehoff, Kunstredakteur unseres Hauses - und jetzt am Telefon.“ Nun interviewte der eine Deutschlandradio-Mann den anderen, und Koldehoff durfte fünf Minuten lang seine Einwände gegen Zimmermann vortragen, von Balzer beflissen unterstützt: „Ich habe ihn auch berichtigt an dieser Stelle.“ Zimmermann habe „natürlich Unsinn“ geredet, sagte Koldehoff, und Balzer resümierte, Koldehoff habe „keine klare Auskunft bekommen, auch heute Abend nicht“. Natürlich rief man nicht noch einmal bei Zimmermann an.

          Neuer Berichtsbedarf für „Fazit“ wird spätestens entstehen, wenn auch die „Süddeutsche Zeitung“ in dieser Sache recherchiert. Dort schreibt nämlich in schönster Regelmäßigkeit zur Raubkunst Stefan Koldehoff. Gestern etwa einen Artikel über einen anderen Restitutionsstreit. Unmittelbar darüber stand unter „Nachrichten“ eine Meldung zum „Welfenschatz“, ein Verweis auf „einen Bericht der Wochenzeitung ,Die Zeit'“.

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