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Das Verständnis von Freiheit : Welche Werte sind uns wichtig?

Die Freiheitsstatue in New York bei Sonnenuntergang Bild: picture alliance / blickwinkel/McPHOTO/M. Gann

Die Ukrainer lassen uns über einen Begriff nachdenken, der bei uns zuletzt oft entwertet worden ist. Dabei ist die Idee von „Freiheit“ mehr als ein Füllwort in Werbespots für Handytarife oder Tampons. Doch welche Art von Freiheit meinen und wollen wir?

          8 Min.

          Die Kleinstadt Concord in Massachusetts ist, einerseits, als Keimzelle der amerikanischen Literatur berühmt, als Heimat von Autoren wie Ralph Waldo Emerson und Nathaniel Hawthorne, als der Ort mit dem legendären Walden Pond, an dessen Ufer der große Naturfreund und Zivilisationskritiker Henry David Thoreau zwei Jahre in einer Blockhütte lebte. Noch bekannter ist Concord, andererseits, als Schauplatz der ersten Kämpfe des Amerikanischen Unabhängigkeitskriegs. An der Old North Bridge hatte die Bürgermiliz der Kolonisten, die sogenannten Minute Men, am 19. April 1775 die überlegenen britischen Truppen zurückgedrängt. Heute steht dort ein Denkmal für die Freiwilligenarmee, die Statue eines Bauern, der seinen Pflug zur Seite legt und ein Gewehr zur Hand nimmt. In seinem Sockel ist Ralph Waldo Emersons „Concord Hymn“ eingelassen, jenes berühmte Gedicht, das an den „Schuss, der um die ganze Welt gehört wurde“, erinnert und die kämpferischen Zivilisten feiert, die „embattled farmers“, die für die Freiheit ihrer Kinder starben.

          Harald Staun
          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Die Minute Men, die Helden der amerikanischen Unabhängigkeit, benannt nach ihrer Fähigkeit, innerhalb einer Minute kampfbereit zu sein, haben nun ihre würdigen Nachfahren gefunden: Der amerikanische CNN-Journalist John Blake hat sie mit den ukrainischen Kämpfern verglichen, nicht nur weil sich einige von ihnen mit Traktoren gegen die russischen Panzer stellen. „Der Krieg ist nicht nur ein geopolitischer Kampf“, schreibt Blake, sondern „eine Erinnerung daran, was die Vereinigten Staaten einmal waren“, nämlich: „ein Leuchtfeuer der Freiheit“. Ein Land, in dem jedes Schulkind die „Concord Hymn“ auswendig konnte. Für die Amerikaner, vor allem für die „normalen Leute“, sei der Anblick der ukrainischen Minute Men ein Weckruf, der daran erinnere, „dass Demokratie etwas ist, für das es sich zu kämpfen und zu sterben lohnt“.

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