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Ukraine-Angriff und die Kunst : Wie der Krieg einen Keil zwischen zwei Künstlerinnen treibt

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Ihre Sicht der Dinge: Viktoria Lomaskos Comic, in den Alewtina Kachidse hineingemalt hat. Bild: Alewtina Kachidse

Sie sind zwei bekannte Künstlerinnen, Russin die eine, Ukrainerin die andere. Früher arbeiteten sie zusammen – dann griff Russland die Ukraine an. Eine Geschichte darüber, wie der Krieg auch die Kunstwelt entzweit.

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          Im einstigen Lustschloss des Schwabenherzogs Karl Eugen in der Akademie Solitude in Stuttgart sitzt die russische Künstlerin Viktoria Lomasko in ihrem Zimmer und weint. Seit Kurzem ist Solitude das Refugium für die Künstlerin und Autorin, bis September darf sie dank des Jean-Jacques-Rousseau-Stipendiums hier bleiben. „Ich bin Künstlerin und Dissidentin“, sagt Lomasko, die mit ihren 43 Jahren jung, verletzlich und trotzig wirkt. Unter Tränen erinnert sie sich daran, wie ein ukrainisches Mädchen ihr hier unlängst sagte, der Krieg sei nicht ihre Schuld; sie habe ja keine Bomben geworfen. Mit dieser Ukrainerin freundete sie sich auf Schloss Solitude an.

          Zugleich prasselten in den vergangenen Wochen die Angriffe aus sozialen Medien wie Pfeile auf sie ein. Am empfindlichsten traf einer aus dem ukrainischen Dorf Musy­tschi bei Kiew, abgefeuert von ihrer Künstlerkollegin Alewtyna Kachidse. Die beiden Frauen sind international erfolgreiche, sozialpolitisch engagierte postsowjetische Künstlerinnen. Jetzt wirft die Ukrainerin der Russin vor, sie manipuliere den Westen, sei eine Wirtschaftsmigrantin, russische Imperialistin und schlechte Künstlerin. Ihr Konflikt steht für die Kluft zwischen zwei Welten, die sich spätestens seit dem 24. Februar 2022, eigentlich schon 2014 auftat. Bis dahin waren die ukrainische und russische Kunstszene eng miteinander verwoben.

          Erfolg als Comic-Reporterin

          2013 hatte Lomasko als Kuratorin Kachidse eingeladen, an einem Projekt der Moskauer Biennale, „Feminist Pencil 2“, teilzunehmen – dem ersten großen feministischen Künstlerinnenprojekt in Russland. Sie bekamen damals viel Gegenwind. Zwei Tage nach der Eröffnung wurde die Ausstellungsfläche über Nacht mit grünen Filzstift-Penissen beschmiert. Doch Feminist Pencil war eine Revolution gegen das Patriarchat, was die beiden verband. Das änderte sich nach Kriegsbeginn.

          Lomasko, die aus der Moskauer Peripherie stammt, machte sich in der internationalen Kunstszene mit politischen und ironischen Zeichnungen einen Namen als Comic-Reporterin. Über Jahre besuchte sie jugendliche Straftäter in Gefängnissen, gab ihnen Zeichenunterricht. 2017 erschien ihr Buch „Other Russias“, das Ergebnis von neun Jahren Beobachtung von politischen Gerichtsprozessen, Protesten und Alltagswelten: Skinheads im Knast, Sexarbeiterinnen, orthodoxe Aktivisten, queere Menschen. Von New York bis Berlin und Beirut wurden Lomaskos Arbeiten in aller Welt gezeigt, die diesjährige Documenta 15 lud sie als „Harvesterin“ ein, die Entstehung der Ausstellung in einem Bildband zu verarbeiten. Nur in ihrem Heimatland arbeitet seit Jahren keine Galerie mit der Regimegegnerin zusammen.

          Drohanrufe nach Kriegsausbruch

          Nach Kriegsausbruch erhielten fast alle ihre russischen Bekannten und Freunde Drohanrufe von der Polizei. Anfang März flog sie zunächst nach Bischkek in Kirgistan, dann nach Brüssel. Die belgische Produktionsfirma, die einen Dokumentarfilm über sie dreht, besorgte ihr ein Visum. Einen Monat später, kurz nachdem die Bilder aus dem ukrainischen Butscha um die Welt gingen, druckte das amerikanische Magazin „The New Yorker“ ihre Comic-Reportage mit dem Titel „Kollektive Scham“. Sie zeigt Lomasko bei der Abreise am Moskauer Flughafen und später im Exil. „Welche Spielräume habe ich noch?“, fragt sie verzweifelt. „Gefangen zwischen Putin, der Scham über diesen Krieg und dem, was sich wie westliche Ablehnung von allem Russischen anfühlt.“ Der Text in den Sprechblasen stammt von Lomasko, die Zeichnungen von dem berühmten amerikanischen Comic-Reporter Joe Sacco, der sich als ihr „Stift“ ausgab – denn Lomasko sei überstürzt geflüchtet, habe ihre Arbeitsutensilien zurücklassen müssen, also nicht selbst zeichnen können.

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