https://www.faz.net/-gqz-7bdek

Der Soziologe Ulrich Beck im Gespräch : Digitaler Weltstaat oder digitaler Humanismus?

  • Aktualisiert am

Man muss sicher unterscheiden, wer die einzelnen Menschen sind. Gerade die nächste Generation, die die sozialen Netzwerke zur Verlängerung ihres Kommunikationskörpers gemacht hat, ist in dieses System gleichsam physisch hineingewachsen. Die Möglichkeiten zu nutzen, die es bietet - von der Organisation von Protestbewegungen über globale Kommunikation bis zu digitalen Liebesbeziehungen -, ist Teil ihrer Weltauffassung geworden, aber ohne dass sie bislang die Kontrollmöglichkeiten der Systeme fürchtet.

Das hieße, dass das Risiko einer Verletzung der Freiheitsrechte anders bewertet wird als eine Verletzung, etwa gesundheitlicher Art, die vom Klimawandel ausgehen könnte.

Die Verletzung der Freiheit schmerzt nicht, man spürt sie nicht, man erlebt keine Krankheit, keine Überflutung, keine Chancenlosigkeit am Arbeitsmarkt. Die Freiheit stirbt, ohne dass die Menschen physisch verwundet werden. In allen politischen Systemen ist das Versprechen auf Sicherheit der eigentliche Kern der staatlichen Gewalt und Legitimation. Während Freiheit immer zweitrangig ist oder wirkt. Dabei ist, gerade von meinem Standpunkt als Soziologe aus gesehen, das Freiheitsrisiko das fragilste Risiko unter den bisherigen globalen Bedrohungen.

Und wie müsste man darauf nun politisch reagieren?

Es kommt darauf an, dass wir so etwas wie einen digitalen Humanismus formulieren. Man müsste das Grundrecht auf Datenschutz und digitale Freiheit zu einem globalen Menschenrecht machen und versuchen, dieses Recht wie andere Menschenrechte auch gegen Widerstand durchzusetzen.

Ginge es auch eine Nummer kleiner?

Nein, es geht nicht geringer. Es gibt keine geringere Zielsetzung. Das, was wir augenblicklich immer hören, ist ja, dass man jetzt neue technische Möglichkeiten nutzen sollte, um sich gegen die Übergriffe der Überwacher abzuschirmen. Das würde aber erstens bedeuten, dass wir ein globales Problem individualisieren. Und zweitens liegt die Katastrophe ja gerade darin, wie schon gesagt, dass die Katastrophe verschwindet, dass sie unsichtbar wird, weil die Kontrolle immer perfekter wird. Das würde gerade in dem Maße geschehen, in dem man ausschließlich technisch und individuell auf dieses Kontrollproblem reagiert.

Was fehlt, ist allerdings eine internationale Instanz, die solche Forderungen durchsetzen könnte. In diesem Punkt unterscheidet sich das Freiheits- auch nicht vom Klimawandelrisiko.

Das ist immer die Litanei: Der Nationalstaat kann es nicht. Es gibt keinen Akteur auf internationaler Ebene, der dafür in Frage kommt. Aber es gibt eine allgemeine globale Beunruhigung, das globale Risiko hat eine enorme Mobilisierungskraft, die alles in den Schatten stellt, was man früher hatte, zum Beispiel die Arbeiterklasse. Es käme darauf an, diese Unruhe, die in unterschiedlichem Maße durch soziale Bewegungen und politische Parteien einzelner Länder geht, politisch zu bündeln und auf die schon genannte Idee zulaufen zu lassen.

Aber lassen sich solche Normen global durchsetzen?

Gerade die Dauerreflexion über die Gefährdung von Freund und Feind könnte sehr wohl zu Prozessen weltweiter Normenbildung führen. Das Rechtsbewusstsein globaler Normen entstünde dann sozusagen im Nachhinein aus dem weltöffentlichen Entsetzen über ihre Verletzung. Wir sind in einer historischen Entwicklung, in der wir immer wieder an diese Stelle kommen. Wir brauchen eine transnationale Erfindung von Politik und Demokratie, die die Möglichkeit eröffnet, gegen die Dominanz der völlig verselbständigten Kontrollmonopole, demokratische Grundrechte wiederzubeleben und durchzusetzen.

Zur Person

Aufgewachsen in Hannover, studierte Ulrich Beck Soziologie, Philosophie, Psychologie und Politikwissenschaft in München, wo er auch promoviert und habilitiert wurde. Seine professorale Laufbahn führte ihn unter anderem nach Münster, Bamberg und München, zurzeit lehrt er an der Londoner School of Economics and Political Science. Er ist einer der bekanntesten deutschen Soziologen und Risikoforscher

1986, kurz vor dem atomaren Reaktorunfall in Tschernobyl, erschien sein Buch „Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne“, in dem er den tiefgreifenden Wandel untersuchte, den Gesellschaften und Nationen in der Moderne erfahren. 2007 führte er seine Analyse in dem Werk „Die Weltrisikogesellschaft. Auf der Suche nach der verlorenen Sicherheit“ fort.

Weitere Themen

Topmeldungen

Hoffnung auf Herdenimmunität: Menschen in der Fußgängerzone der Münchener Innenstadt

Neue RKI-Zahlen : Immer mehr Delta-Infektionen

Die Inzidenzen sinken weiter. Doch laut RKI hat sich der Anteil der Delta-Variante bei den Neuinfektionen seit vergangener Woche fast verdoppelt. Dennoch: Die Bundesländer bleiben gelassen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.