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Der Soziologe Ulrich Beck im Gespräch : Digitaler Weltstaat oder digitaler Humanismus?

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Trotzdem muss man eigentlich noch weiter gehen und fragen, ob wir als Sozialwissenschaftler, Alltagsmenschen und Benutzer dieser digitalen Informationsinstrumente überhaupt schon angemessene Begriffe haben, um zu beschreiben, wie tief und grundsätzlich durch sie Gesellschaft und Politik verändert werden. Ich glaube nämlich, dass wir alle noch keine Namen, keine Landkarte und keinen Kompass für diese neue, digitale Welt haben. Das passt wiederum generell zur Situation der Weltrisikogesellschaft: Wir sind durch die Erfolge der Modernisierung, die eskalierende technologische Evolution in Bereiche und Handlungsmöglichkeiten katapultiert worden, für die wir noch nicht einmal angemessene Beschreibungen haben.

Können Sie das für das Freiheitsrisiko einmal genauer erklären?

Wir reden ja immer davon, dass ein neues digitales Imperium entsteht. Aber keines der historischen Imperien, die wir kennen, das der Griechen oder der Perser, hatte die Eigenschaften, die das heutige digitale Imperium kennzeichnen. Dieses digitale Imperium beruht auf Merkmalen der Moderne, die wir noch gar nicht richtig durchdacht haben. Es beruht weder auf militärischer Gewalt, noch besitzt es die Kapazität für eine politisch-kulturelle Integration über Entfernungen hinweg. Es verfügt aber über die extensiven und intensiven Kontrollmöglichkeiten in einer Breite und Tiefe, die letztlich alle individuellen Präferenzen und Schwächen offenlegen - wir alle werden gläsern, durchsichtig.

Diese Kontrollmöglichkeiten werden mit dem bisherigen Begriff des Imperiums aber gar nicht angesprochen. Und es kommt jetzt diese wesentliche Ambivalenz dazu: Wir haben riesige Kontrollmöglichkeiten und gleichzeitig eine unvorstellbare Verletzlichkeit dieser digitalen Kontrolle. Keine Militärmacht, kein Aufstand, keine Revolution, kein Krieg gefährdet das Kontrollimperium, sondern ein einziges, mutiges Individuum, ein dreißig Jahre alter Geheimdienstexperte bringt es ins Wanken, und zwar, indem er das Informationssystem gegen sich selbst wendet. Die Unvorstellbarkeit der Kontrolle und die unvorstellbare Verletzbarkeit derselben sind also die zwei Seiten desselben.

Was folgt aus der Verbindung zwischen inflationären Risiken und der Orientierungs- beziehungsweise Sprachlosigkeit?

Es gibt in diesem hyperperfekten System der Kontrolle eine Widerstandsmöglichkeit des Einzelnen - die gab es zuvor in keinem anderen Imperium. Das zeigt die Gegenmacht, die mutige Personen haben können, wenn sie in ihrem Beruf Widerstand ausüben. Eine der großen Fragen ist also, ob wir nicht in diesen digitalen Großkonzernen, man könnte sagen, eine Whistleblower-Gewerkschaft und vor allen Dingen auch eine Pflicht zum Widerstand im Beruf rechtlich durchsetzen müssen, zunächst vielleicht national, dann auf europäischer Ebene.

Der Ottonormalverbraucher verfügt aber - anders als Snowden - über weit weniger Wissen, was die Struktur und die Macht des von Ihnen so genannten Imperiums angeht.

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