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Volkmar Sigusch wird 80 : Triebe ohne Bleibe

  • -Aktualisiert am

Der Frankfurter Sexualforscher Volkmar Sigusch wird 80 Jahre alt. (Archivbild 2012) Bild: Wolfgang Eilmes

Befreiung des Sexuellen: Volkmar Sigusch baute in Frankfurt das Institut für Sexualforschung auf. Als er 2006 emeritiert wurde, wickelte man sein Institut ab. Er aber forschte und publizierte weiter. An diesem Donnerstag feiert er seinen achtzigsten Geburtstag.

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          Das vom Bundestag beschlossene Gesetz zum Schutz vor Konversionsbehandlungen, das als Therapien getarnte Maßnahmen gegen Homosexualität unter Strafe stellt, dokumentiert anschaulich, wie eng Gesellschaft, ihre Normen und Sexualität verknüpft sind.

          Das von Bundesgesundheitsminister Spahn initiierte Gesetz, das von einer breiten Mehrheit ohne emotional aufgeladene Debatte beschlossen worden ist, illustriert so, wie sich Normalisierungsprozesse vollziehen – ohne dass sie allerdings das Ziel, Gleichstellung oder gar Inklusion, erreichen. Während der Staat seine repressiven Maßnahmen abbaut, werden in Teilen der Gesellschaft Gewaltphantasien in die Tat umgesetzt. Volkmar Sigusch, einer der bedeutendsten deutschen Sexualwissenschaftler, der an diesem Donnerstag achtzig Jahre alt wird, beobachtet solche widersprüchlichen Formierungsprozesse wach und aufmerksam.

          Er gehörte schon zu den Sachverständigen der 1970 auf den Weg gebrachten Sexualstrafrechtsreform. Im vergangenen Jahr zog er in Buchform ein „Fazit“ der „Kritischen Sexualwissenschaft“. Dort schreibt er: „Eine von Geschichts- und Gesellschaftstheorie getrennte Theorie der Sexualität des Menschen ist keine. Wer über Sexualität ernsthaft nachdenkt, hat die ganze Gattungsgeschichte des Menschen und mehr am Hals.“

          Volkmar Sigusch, der im nationalsozialistischen Deutschland geboren wurde und in der DDR die Schule besuchte, formuliert einen kritischen Standpunkt, der vom Individuum und dessen Auseinandersetzung mit seiner Lebensnot und dem Ringen um Lebenswahrheit ausgeht, sich darauf aber nicht beschränkt, denn, so Sigusch, „Sexualwissenschaft will zur Befreiung des Sexuellen beitragen und kommt spätestens als Praxis nicht umhin, dessen Zügelung zuzuarbeiten, weil zu sich gekommene Triebliebe keine Bleibe hat“. Die Grenzen einzuhalten erfordert aber nicht den starken Staat. Sigusch plädiert stattdessen dafür, die Opfer ins Zentrum der Überlegungen zu rücken, sie durch eigene Rechte so stark zu machen, dass sie sich gegen Übergriffe tatsächlich wehren können.

          Eine schwere Niederlage musste Sigusch ausgerechnet an seiner langjährigen Wirkungsstätte hinnehmen: Mit seiner Emeritierung 2006 wurde das von ihm aufgebaute Frankfurter Institut für Sexualwissenschaft abgewickelt. Aber notwendige Disziplinen suchen sich neue Orte. Sigusch forscht und publiziert weiter, und jüngst wurde ihm, obgleich er kein Psychoanalytiker ist, der Sigmund-Freud-Kulturpreis der beiden psychoanalytischen Fachgesellschaften DPG und DPV verliehen.

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