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Missbrauch in indischer Kirche : Die Christen gleichen sich den Kasten an

  • -Aktualisiert am

In den sechziger Jahren gab es eine starke Bewegung in der katholischen Kirche, sich kulturell dem Hinduismus anzugleichen. Plötzlich existierten katholische „Ashrams“ statt Klöstern, Priesterseminaren oder Konventen. Ihnen standen „Gurus“ vor, und das Zusammenleben war eher charismatisch-informell. Das sorgte dafür, dass die Kirche für die Hindu-Bevölkerung verständlicher erschien, es brachte auch Tausende junger Menschen aus Europa und Amerika nach Indien, die sich in christlichen Ashrams heimischer fühlten als unter Hindus. Diese Bewegung ist inzwischen ausgelaufen.

Der Streit wird immer destruktiver

Das Problem mit der „Inkulturation“ des Christentums ist von Beginn an gewesen, dass sich Christen dadurch in die strengen gesellschaftlichen Hierarchien des Hinduismus integrieren sollten, anstatt jene gerade aufzubrechen und den Dalits ihre volle Menschenwürde zuzusprechen. Heute ist die katholische Kirche wesentlich geprägt durch den Kampf der Dalits gegen die Obrigkeit in den eigenen Reihen. Das macht den Kampf gegen die Unterdrückung durch Hindu-Radikale nicht leichter.

Seit der Unabhängigkeit Indiens kämpfen die christlichen Dalits um die Gleichstellung mit nichtchristlichen Dalits, denen die Regierung eine „Reservierung“ von Plätzen in staatlichen Schulen und Berufen zusichert. Konvertierte Dalits genießen dieses Privileg nicht. Vor wenigen Wochen hat der südindische Bundesstaat Karnataka als erster dieses Gesetz aufgehoben und vergibt reservierte Plätze auch an Christen.

In der katholischen Kirche wird ein latenter Sprachenstreit immer destruktiver. Christen, und zwar gerade Dalit-Christen, nehmen ihr Identitätsbewusstsein zunehmend aus ihrer Sprachgemeinschaft. Tamilsprechende Christen leben in Streit mit malayalamsprechenden oder kannadasprechenden. Gerade in sprachgemischten Pfarreien und in Ordensgemeinschaften ist dieser Zwist oft unüberbrückbar geworden. In einigen Ordensgemeinschaften erwägen die Oberen inzwischen, die Mitglieder nach deren Sprachzugehörigkeit neu auf ihre Niederlassungen zu verteilen. Doch kann so ein zukunftsorientiertes indisches Christentum aussehen?

Wie in Europa gehen die religiösen Berufe zurück, doch die Kirche hat bisher keinen Einbruch erlebt. Viele Kirchengemeinden blühen, es herrscht lebendige, temperamentvolle Volkskirche. Zuletzt erlebte ich dies zu Weihnachten in Kalimpong, in der Gegend von Darjeeling. Drei Priester standen am Altar vor einer brechend vollen Kirche. Ministranten, Weihrauch, Kerzen, viele aus vollem Hals gesungene Lieder und eine lange Predigt... So habe ich die Feste als Kind im Rheinland erlebt.

Dieses unruhige, gärende indische Christentum, dem man zurzeit keine zukunftsträchtigen Visionen zutraut, stürzt durch die Skandale der letzten Monate in eine tiefe Krise der Selbstfindung. Neue Anklagen und Beschuldigungen können nicht ausbleiben, auf die neue Verteidigungen und Beteuerungen folgen werden. Wird die katholische Kirche durch radikale Schritte zum Umdenken, zu einer neuen Aufrichtigkeit finden oder aber sich weiter hinter der einmal aufgerichteten Fassade der klerikalen Unantastbarkeit verstecken?

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