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Missbrauch in indischer Kirche : Die Christen gleichen sich den Kasten an

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Das Problem liegt in der streng hierarchischen Mentalität der katholischen Kirche Indiens. Priester besitzen dort ein hohes Ansehen und eine ungewöhnlich große Macht über das Kirchenvolk, das darum leicht instrumentalisiert, sogar ausgebeutet werden kann. Der Klerus ist den jeweiligen Vorgesetzten verpflichtet und gehorsam. Ein Bischof ist uneingeschränkt Herr in seiner Diözese, weil die Kontrollinstanzen des Vatikans weit entfernt sind. Der Gedanke der Kollegialität untereinander und mit der Laienbevölkerung hat im Klerus bisher keine Wurzeln geschlagen. Die Kirche bekennt sich zu der Hierarchiegläubigkeit eines veralteten Kirchengedankens; dasselbe Hierarchiebewusstsein ist eben auch in der Hindu-Gesellschaft angelegt.

Die christlichen Kirchen haben traditionell in Indien einen ausgezeichneten Ruf. Obwohl nur rund 2,3 Prozent der Bevölkerung christlich sind, üben sie einen Einfluss aus, der weit stärker ist, als diese Prozentzahl vermuten lässt. Grund dafür ist ihr soziales Engagement unter der armen und ländlichen Bevölkerung, vor allem auch unter den niederen Kasten und Stammesangehörigen. Christliche Krankenhäuser und Schulen genießen im ganzen Land große Anerkennung, weil sie unter den Armen und Marginalisierten wirken. Die Kirche hat aber auch hervorragende und teure Eliteschulen für Kinder von Beamten und Geschäftsleuten sowie Krankenhäuser für reiche Patienten aufgebaut.

Der emotionale Hintergrund

Allerdings haben es die Christen versäumt, politischen Einfluss aufzubauen. Ihre kirchlichen wie gesellschaftlichen Organisationen haben zurzeit, im Gegensatz zu früheren Jahrzehnten, keine einzige im gesamten Indien anerkannte Führungspersönlichkeit. Dies wirkt sich gerade in der gegenwärtig vom radikalen Hinduismus geprägten politischen Atmosphäre nachteilig aus; es gibt kein Gegengewicht. Auch dies ist dem negativen Einfluss des Klerikalismus zu verdanken, der charismatische Einzeltalente nicht unterstützt.

Den historischen Auftrag des indischen Christentums, nämlich durch westlich geprägte Aufklärung und demokratische Grundhaltung gegen das Kastenwesen im Hinduismus, die Benachteiligung von Frauen und den Feudalismus vorzugehen, hat es weitgehend nicht erfüllen können. Stattdessen ist das Kastenwesen in die Mentalität auch der christlichen Bevölkerung eingedrungen. Über Generationen hinweg erinnern sich Christen ihrer Kaste vor der Bekehrung, so dass es also „christliche Brahmanen“ und „christliche Kastenlose“ gibt, die oft nicht untereinander heiraten und gesellschaftlich verkehren. Damit entfällt einer der ursprünglichen Gründe, weshalb Kastenlose und Stammesangehörige – die sogenannten „Dalits“ – zum Christentum konvertiert sind, nämlich um den Demütigungen des Kastenwesens zu entkommen.

Ebendiese Bekehrungen zum Christentum sind umgekehrt seit jeher eine Demütigung für selbstbewusste Hindus gewesen. Die kirchliche Politik der Bekehrungen, die allzu häufig Hindus mit außerreligiösen Motiven zur Taufe führte, hat die Hindu-Psyche verletzt. Das ist bis heute der emotionale Hintergrund für die Anfeindungen der Hindu-Radikalen gegen die Kirchen. Inzwischen ist allerdings die Zahl der Bekehrungen schon aus Furcht vor Aggressionen und wegen gesetzlicher Einschränkungen zurückgegangen.

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