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Serebrennikow vor Gericht : Moskaus Glanz und Schrecken

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Wir versuchen uns durchzuschlagen“: Der angeklagte Kirill Serebrennikov (Bildmitte) auf dem Weg in den Gerichtssaal zu seiner nächsten Anhörung. Bild: Getty

Der Prozess gegen den russischen Regisseur Kirill Serebrennikow ist groteskes Theater – mit so unerwarteten wie ausdrucksvollen Helden. Ein Gastbeitrag.

          Als ich im Gericht des Moskauer Basmannyj-Bezirks beim Verfahren gegen Kirill Serebrennikow war, stieg in meiner Erinnerung immer wieder eine historische Szene aus dem Moskauer Bolschoi-Theater auf. Im Dezember fand dort endlich die Premiere von „Nurejew“ statt – dem Ballett, das Kirill inszeniert hat und das das Licht der Öffentlichkeit eigentlich schon im Spätfrühling 2017 erblicken sollte. Aber damals wurde bei Kirill eine Wohnungsdurchsuchung durchgeführt, er selbst war zum Verhör abgeführt worden – und die Führung des Bolschoi-Theaters schaute sich ängstlich um und sagte die Premiere am Vorabend mit der offiziellen Begründung ab, das Schauspiel sei noch unfertig.

          Ein halbes Jahr später war dann der Andrang so riesig, dass ich selbst unter Aufbietung aller meiner Moskauer Beziehungen nicht einmal in die öffentliche Generalprobe von „Nurejew“ gelangt wäre, umso weniger in die bisher beiden einzigen Vorstellungen. Die Antworten auf meine Anfragen klangen ungefähr so: „Entschuldige, aber diesmal ist es unmöglich. Alle Plätze wurden von den Frauen der Mächtigen aus dem Kreml weggefegt.“ Am Ende half mir ein reiner Zufall. Am Abend vor der zweiten Aufführung geriet ich ungeplant auf eine kleine Feier von Moskauer Kinostars, wo ich mich darüber beklagte, dass es mir wohl nicht beschieden sein würde, „Nurejew“ zu sehen. Wie durch ein Wunder besaß dort ein Mensch die eine erlösende Eintrittskarte und schenkte sie mir. So gelangte ich in diese exklusive Eliten-Veranstaltung, voller berühmter Männer und aufgetakelter Damen. Es war nicht wichtig, dass ich weit entfernt von ihnen saß, im Balkon des sechsten Rangs, und dass während der ganzen Aufführung ein alter russischer Intellektueller immer wieder bei dem Versuch auf mich stürzte, etwas auf der weit unten befindlichen Bühne zu erkennen, und dass seine ebenso alte Frau ständig die von unten emporklingenden Sätze wiederholte, weil er auch nicht mehr recht hörte. Trotzdem fühlte ich mich, als sei ich unter den Gesalbten.

          Im Gericht des Basmannyj-Bezirks einen Platz zu bekommen war kein bisschen einfacher. Und wieder halfen Bekanntschaften, denn im Saal gab es nur zwanzig Plätze, und vier- oder fünfmal so viele wollten hinein. Wir saßen in Wintermänteln auf drei langen Bänken zusammengedrängt, und alle, die es nicht geschafft hatten, blieben im Korridor, um die Handlung auf dem dort befindlichen Monitor zu verfolgen. Kirill wurde gemeinsam mit den beiden zusammen mit ihm vor Gericht stehenden Theaterleuten in den Saal geführt – Juri Itin und Aleksej Malobrodski. Letzterer steht nicht unter Hausarrest, sondern unter richtigem Arrest, das heißt, er sitzt im Gefängnis. Und wenn die ersten beiden mit freien Händen ankamen, begleitet von ihren Anwälten, so wurde Malobrodski geführt wie ein echter Schwerverbrecher: Die Hände waren hinter dem Rücken mit Handschellen gefesselt, von allen Seiten umgaben ihn die begleitenden Beamten, und hinter ihm ging ein Hundeführer mit Hund. „Lasst den Hund vorbei!“, wiederholte einer der vorausgehenden Beamten herrisch und drängte die versammelte Menge an die Wände des Korridors. Das klang natürlich zweideutig, denn alle schauten derweil auf Malobrodski, einen kleinen, ständig lächelnden sechzigjährigen Mann, den ein so eindrucksvolles Gefolge begleitete. Im Gerichtssaal wurde er getrennt von allen in einen Käfig gesetzt. Den anderen beiden wurde erlaubt, mit ihren Anwälten am Tisch zu sitzen. Kirill verbeugte sich dankend ohne Worte (denn mit uns zu reden ist ihm verboten) vor den Gekommenen. Wir antworteten ihm auf die gleiche Weise und saßen dann in seinem Rücken.

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          Zwei Beamte (ein Mann und eine Frau) beobachten uns, damit niemand wagt, den Prozess mit dem Mobiltelefon zu filmen. Der Frau wird es während des langen Marathons bessergehen, während dem Mann merklich die Hüfte zu reißen beginnt; am Ende wird er mit unverhülltem Ausdruck von Schmerz und Leid im Gesicht das Gewicht von einem Fuß auf den anderen verlagern und für uns so zum ausdrucksvollsten Helden der Handlung. Aber das wird später sein, gegen Abend. Noch steht er fest da. Doch die Handlung reißt ab, kaum dass sie begonnen hat. Der Ermittler und die Staatsanwältin legen neue Anschuldigungen vor, mit denen die Anwälte sich noch nicht bekanntmachen konnten. Sie könnten fordern, die Verhandlung zu vertagen, aber statt auf diese Weise die Lage noch komplizierter zu machen, bitten sie um eine halbe Stunde Pause. Die Richterin gibt der Bitte statt – alle werden aus den Flur hinausgebeten.

          Der Kulturminister spart nicht mit Applaus

          Während der Pause von „Nurejew“ wanderten die Zuschauermassen von einem Stockwerk des Bolschoi-Theaters in das andere: Die einen in die Toilette, die anderen an die Bar. In diesem plappernden Durcheinander traf ich zufällig eine bekannte russische Schriftstellerin. Zu uns stießen noch einige Frauen, die ich nicht kannte, und wir diskutierten über den ersten Akt. Oder eigentlich weniger über ihn als vielmehr über die ganze mit diesem Schauspiel verbundene Situation. Das Bolschoi-Theater gibt eine Premiere über die Supernova des russischen Balletts, Rudolf Nurejew, der 1961 in den Westen floh, genauer: der während einer Tournee in Paris um politisches Asyl bat. Zuvor war er im Vaterland von allen möglichen Politruks verfolgt worden, „gehetzt“, wie man hier sagt. So hat die Sowjetunion ihn einfach aus sich ausgestoßen, wie Eiter, einen Fremdkörper in ihrer Gesellschaftsordnung. Und nun erklingen während des Schauspiels Zitate aus den schriftlichen Anschuldigungen gegen Nurejew, die für Ohren eines heutigen Menschen absolut absurd sind. Und der jetzige Kulturminister Russlands spart nach der Generalprobe nicht mit Applaus für dieses Drama, und der Pressesprecher des russischen Präsidenten behauptet, dass diese Premiere ein kulturelles Ereignis von historischer Bedeutung in Russland sei. Als wüssten sie nicht, dass der Regisseur dieses Ereignisses unter Hausarrest auf seinen Prozess wartet, dass er von der Staatsmacht noch offener und brutaler verfolgt wird als sein Bühnenheld.

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          „Sie sind Idioten“, erregt sich während der Pause die bekannte Schriftstellerin. „Sie sehen nicht einmal, verstehen nicht, dass dieses Schauspiel von ihnen handelt.“ – „Aber vielleicht sind sie Zyniker?“, sage ich. „Nein, sie sind stumpfsinnige Idioten“, bekräftigt sie ihre Diagnose. Irgendeine der mir unbekannten Frauen stellt die klägliche Überlegung an, dass es vielleicht gut sei, dass sie das gesehen hätten und dass es ihnen gefallen hat. Vielleicht geben sie das an Putin weiter, und er lasse Kirill endlich frei.

          Während der ersten Pause im Gericht raunten auch alle, dass es dieses Mal Hoffnung gebe: Es wurde eine „gute Richterin“ zugeteilt. Die früheren erlaubten den Verteidigern einfach nicht zu reden, unterbrachen sie ohne Umstände, diese aber hörte sie bis zum Ende an. Die „gute Richterin“ ist eines jener Zeichen, die hier alle versuchen herauszulesen: Wenn sie schon eine „gute Richterin“ zugeteilt haben, dann haben sie vielleicht „oben“ ihre Meinung geändert, und man kann auf ein „gutes Urteil“ hoffen. Denn dies ist noch nicht einmal der richtige Prozess, auf Antrag der Anklage wird über die Verlängerung des Arrests verhandelt. Die Untersuchung ist beendet, die Angeklagten können die Aussagen der Zeugen nicht mehr beeinflussen, eigentlich müssten sie bis zum richtigen Prozess freigelassen werden.

          „Freiheit für den Regisseur“

          Diese Zwischenverhandlung dauert mit Pausen sechs Stunden. Als sie die nächsten absurden Argumente der Anklage hört, hält es eine bekannte russische Theaterkritikerin nicht mehr aus, sie fängt an zu lachen und ruft: „Das ist lächerlich. Lächerlich!“ Noch während sie aus dem Saal geführt wird, erhält sie eine Verwaltungsstrafe. Wir, die Übrigen, warten mit zusammengebissenen Zähnen darauf, dass Kirill und seine beiden Theaterkollegen frei aus diesem Prozess hinausgehen dürfen. Nachdem sie alle Seiten angehört hat, verkündet die „gute Richterin“ eine große Pause, nach der wir das Urteil hören werden.

          Als „Nurejew“ zu Ende ist, applaudiert das Publikum stehend. Sehr lange. Die Künstler kommen oft vor den Vorhang, um sich zu verbeugen. Sie laufen zurück hinter die Kulissen, kommen wieder. Nun mit T-Shirts, auf denen steht: „Freiheit für den Regisseur“. Das Publikum ruft: „Bravo, Kirill.“ Kirill ist nicht da, er ist zu Hause, unter Arrest, aber alle verstehen, dass dies ein Schauspiel über ihn ist. Als er dieses Ballett inszenierte, ahnte er seine eigene Zukunft voraus. Oder hat sie sogar vorherbestimmt.

          Von meinem Balkon im sechsten Rang steige ich in den fünften hinab. Dort stehen alle, sie wollen nicht auseinandergehen. Ich gehe in den vierten, den dritten – das Gleiche. Ich komme ins Parterre. Ich klatsche mit den Auserwählten, denen vergönnt war, hier zu sitzen, so nahe an der Bühne. „Genial“, höre ich sie sagen, „ein Meisterwerk.“

          Hoffnungslose Ironie mit etwas Hoffnung

          Die Richterin und die Angeklagten mit ihren Anwälten kommen zurück. Dieses Mal werden nur die Angehörigen und Journalisten in den Saal gelassen. Deshalb hören wir die lange und sehr wirre Entscheidung der „guten Richterin“ über den Monitor im Flur. Alle spitzen die Ohren, strengen sich an, das Wesentliche nicht zu verpassen: Werden sie bis zum Prozess freigelassen oder nicht? Irgendwer sagt, diese Richterin sei wirklich gut: Man kann wenigstens jedes zweite Wort verstehen, früher war nicht einmal das möglich. Das ist hoffnungslose Ironie mit einer Beimischung von noch lebendiger Hoffnung. Wir schauen einander in die Gesichter, die dann irgendwie lang werden, sich verzerren. Dieser Ausdruck enthält Schmerz, Enttäuschung und das Vorwissen, dass es nicht anders kommen konnte. Der Arrest wird abermals um drei Monate verlängert. Die Richterin war gut, aber das hat nichts geändert, das Sujet ist das gleiche geblieben. Die Anwälte spielten die Ankläger wie schon bei den vorigen Malen an die Wand, machten ihre hoffnungslosen Argumente, denen es an elementarer Logik fehlt, zu Kleinholz und haben doch wieder verloren. Vielleicht gab es diesmal etwas mehr Spannung.

          Eine bekannte russische Journalistin führt mich nach draußen. Sie sagt: „Du musst den letzten Teil dieses Schauspiels sehen.“ Auf einem kleinen Hügel mit Blick in den Hof des Basmannyj-Bezirksgerichts warten wir darauf, dass sie Kirill und die anderen herausführen. Es ist bestialisch kalt, Füße und Hände werden gefühllos. Die Journalistin ruft Kirills Eltern in Rostow am Don an, sie warten auf Nachrichten von ihr. „Alles unverändert“, ruft sie ins Telefon. „Alles bleibt, wie es ist. Ja. Sie haben um drei Monate verlängert. Kirill? Hervorragend. Er hält sich hervorragend.“

          Als sie das Telefon ausgeschaltet hat, sagt sie: „Entschuldige, dass ich so geschrieen habe. Sie sind einfach sehr alt, alt und krank. Und sie sorgen sich sehr um Kirill.“

          Sie haben sich nicht mehr gesehen

          Kirill kommt in den Hof. Setzt sich in das Polizeiauto. So viel wollte man ihm sagen, aber hier bleiben einem die Worte im Hals stecken. Es sieht absurd aus, in dieser Situation über diese Entfernung, die uns trennt, etwas zu rufen: Fragen, wie er sich fühlt, oder schreien, dass alle ihn unterstützen. Alles ist auch so offensichtlich. Und zugleich sinnlos. „Halte durch, Kirill“, ist alles, was ich hervorbringe. „Wir schlagen uns durch“, antwortet er, als er in das Polizeiauto steigt. „Wir versuchen uns durchzuschlagen.“ Das Auto mit ihm fährt durch das Tor.

          Ich frage die Journalistin, wann die Berufungsverhandlung ist. „In zwei Wochen“, antwortet sie. „Wenn du in Moskau bist, komm unbedingt. Dort ist alles viel menschlicher. Man kann sich mit Kirill unterhalten, ihn sogar umarmen.“

          PS: Die Berufungsverhandlung fand nach mehr als einem Monat statt. Alles blieb unverändert. Die Journalistin ruft wieder Kirills Eltern in Rostow am Don an, um ihnen mitzuteilen, dass „alles bleibt, wie es ist“. Genauer: dem Vater. Die Mutter starb nur wenige Tage vor dieser Gerichtsverhandlung. Sie haben sich nicht mehr gesehen. Kirill wurde nur erlaubt, die Urne mit ihrer Asche zu sehen.

          Regisseur und Regimekritiker

          Der Theater-, Film- und Opernregisseur Kirill Serebrennikow gilt als Leuchtturm der russischen Bühnenkunst. Seit 2017 wird ihm und vier ehemaligen Kollegen in Moskau der Prozess gemacht. Er soll in der Zeit von 2011 bis 2014 umgerechnet mehr als drei Millionen Euro Fördermittel veruntreut haben. Die Vorwürfe klingen absurd, die Staatsanwaltschaft behauptet, das Geld für seine Inszenierung von Shakespeares „Sommernachtstraum“ sei gestohlen worden, die Produktion nicht zustande gekommen. Beobachter glauben, an dem Regisseur solle ein Exempel statuiert werden, um die russischen Kulturschaffenden einzuschüchtern. Serebrennikow kritisiert die Politik des Kremls, etwa die Verfolgung von Schwulen und Lesben, er bezeichnete seine Heimat als Land der nicht aufgehobenen Sklaverei und verglich die russische Kulturpolitik mit der deutschen während der dreißiger Jahre. F.A.Z.

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