https://www.faz.net/-gqz-98un9

Serebrennikow vor Gericht : Moskaus Glanz und Schrecken

  • -Aktualisiert am

Wir versuchen uns durchzuschlagen“: Der angeklagte Kirill Serebrennikov (Bildmitte) auf dem Weg in den Gerichtssaal zu seiner nächsten Anhörung. Bild: Getty

Der Prozess gegen den russischen Regisseur Kirill Serebrennikow ist groteskes Theater – mit so unerwarteten wie ausdrucksvollen Helden. Ein Gastbeitrag.

          Als ich im Gericht des Moskauer Basmannyj-Bezirks beim Verfahren gegen Kirill Serebrennikow war, stieg in meiner Erinnerung immer wieder eine historische Szene aus dem Moskauer Bolschoi-Theater auf. Im Dezember fand dort endlich die Premiere von „Nurejew“ statt – dem Ballett, das Kirill inszeniert hat und das das Licht der Öffentlichkeit eigentlich schon im Spätfrühling 2017 erblicken sollte. Aber damals wurde bei Kirill eine Wohnungsdurchsuchung durchgeführt, er selbst war zum Verhör abgeführt worden – und die Führung des Bolschoi-Theaters schaute sich ängstlich um und sagte die Premiere am Vorabend mit der offiziellen Begründung ab, das Schauspiel sei noch unfertig.

          Ein halbes Jahr später war dann der Andrang so riesig, dass ich selbst unter Aufbietung aller meiner Moskauer Beziehungen nicht einmal in die öffentliche Generalprobe von „Nurejew“ gelangt wäre, umso weniger in die bisher beiden einzigen Vorstellungen. Die Antworten auf meine Anfragen klangen ungefähr so: „Entschuldige, aber diesmal ist es unmöglich. Alle Plätze wurden von den Frauen der Mächtigen aus dem Kreml weggefegt.“ Am Ende half mir ein reiner Zufall. Am Abend vor der zweiten Aufführung geriet ich ungeplant auf eine kleine Feier von Moskauer Kinostars, wo ich mich darüber beklagte, dass es mir wohl nicht beschieden sein würde, „Nurejew“ zu sehen. Wie durch ein Wunder besaß dort ein Mensch die eine erlösende Eintrittskarte und schenkte sie mir. So gelangte ich in diese exklusive Eliten-Veranstaltung, voller berühmter Männer und aufgetakelter Damen. Es war nicht wichtig, dass ich weit entfernt von ihnen saß, im Balkon des sechsten Rangs, und dass während der ganzen Aufführung ein alter russischer Intellektueller immer wieder bei dem Versuch auf mich stürzte, etwas auf der weit unten befindlichen Bühne zu erkennen, und dass seine ebenso alte Frau ständig die von unten emporklingenden Sätze wiederholte, weil er auch nicht mehr recht hörte. Trotzdem fühlte ich mich, als sei ich unter den Gesalbten.

          Im Gericht des Basmannyj-Bezirks einen Platz zu bekommen war kein bisschen einfacher. Und wieder halfen Bekanntschaften, denn im Saal gab es nur zwanzig Plätze, und vier- oder fünfmal so viele wollten hinein. Wir saßen in Wintermänteln auf drei langen Bänken zusammengedrängt, und alle, die es nicht geschafft hatten, blieben im Korridor, um die Handlung auf dem dort befindlichen Monitor zu verfolgen. Kirill wurde gemeinsam mit den beiden zusammen mit ihm vor Gericht stehenden Theaterleuten in den Saal geführt – Juri Itin und Aleksej Malobrodski. Letzterer steht nicht unter Hausarrest, sondern unter richtigem Arrest, das heißt, er sitzt im Gefängnis. Und wenn die ersten beiden mit freien Händen ankamen, begleitet von ihren Anwälten, so wurde Malobrodski geführt wie ein echter Schwerverbrecher: Die Hände waren hinter dem Rücken mit Handschellen gefesselt, von allen Seiten umgaben ihn die begleitenden Beamten, und hinter ihm ging ein Hundeführer mit Hund. „Lasst den Hund vorbei!“, wiederholte einer der vorausgehenden Beamten herrisch und drängte die versammelte Menge an die Wände des Korridors. Das klang natürlich zweideutig, denn alle schauten derweil auf Malobrodski, einen kleinen, ständig lächelnden sechzigjährigen Mann, den ein so eindrucksvolles Gefolge begleitete. Im Gerichtssaal wurde er getrennt von allen in einen Käfig gesetzt. Den anderen beiden wurde erlaubt, mit ihren Anwälten am Tisch zu sitzen. Kirill verbeugte sich dankend ohne Worte (denn mit uns zu reden ist ihm verboten) vor den Gekommenen. Wir antworteten ihm auf die gleiche Weise und saßen dann in seinem Rücken.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.