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Filmproduzent Nico Hofmann : Ein Mann mit einer Mission

Mann mit Haltung: Nico Hofmann bei der Vorstellung seines Buchs in Berlin. Bild: Jens

Wie kaum ein anderer hat Nico Hofmann die deutsche Geschichte in Serien und Filmen ins Fernsehen gebracht. Warum, das verrät er bei der Vorstellung seines Buch „Mehr Haltung, bitte!“ in Berlin.

          3 Min.

          Die Berliner Repräsentanz des Bertelsmann-Verlags trägt die Adresse Unter den Linden 1: Das Gebäude, die sogenannte Alte Kommandantur, liegt gegenüber der Stadtschloss-Baustelle und ist, wie dieses Schloss, eine Rekonstruktion, entstanden ab 2001. Und deswegen auch ein passender Ort, um das neue Buch des Film- und Fernsehproduzenten Nico Hofmann vorzustellen. Nicht nur, weil dieses autobiographische Buch, „Mehr Haltung, bitte!“ heißt es, jetzt bei Bertelsmann erscheint: Auch, weil das filmische Lebenswerk Hofmanns sich um Rekonstruktion dreht. Um die Nachstellung des Vergangenen mit den künstlerischen Mitteln von heute. Es geht Hofmann darum, Geschichte ins Bild zu setzen, angefangen von seinen ersten Regiearbeiten Mitte der achtziger Jahre bis hin zu den großen Fernsehproduktionen wie „Der Tunnel“, „Dresden“ oder „Unsere Mütter, unsere Väter“.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Und irgendwie passt dann auch das aufdringliche Gefühl beflissener Künstlichkeit, das man angesichts der Kommandanturfassaden bekommt, zum Überrepräsentativen mancher Fernsehproduktionen von Nico Hofmann wie „Grzimek“ oder „George“: Filme, die im Wunsch nach Akkuratheit und einem möglichst mitfühlbaren Geschichtsgefühl ihrem Publikum oft die Luft zum selber Atmen genommen haben. Weil jede Nebenfigur Geschichtserkenntnis trägt und die Musik einem sagt, wie ergriffen man zu sein hat.

          Nico Hofmann weiß natürlich, wozu die süßen Geigen in seinen Filmen da sind. Aber Bettina Reitz, seine ehemalige Kollegin bei der Produktionsfirma Teamworx und heutige Präsidentin der Münchener Hochschule für Fernsehen und Film, sagt es in ihrer Einführung am Montag Abend trotzdem. Hofmann kontert diese freundschaftliche Kritik später mit einem entwaffnenden Geständnis: „Ich wollte partout den Erfolg beim Publikum erzwingen.“ Einmal, weil er in seinen künstlerisch ehrgeizigen Anfangsjahren ziemliche Rückschläge erlitten habe und seine Mutter, ehemalige Redakteurin dieser Zeitung, die auch im Publikum ist, sogar ihr Haus verpfänden musste, um einen Film des Sohnes zu finanzieren, der dann floppte.

          Schauspieler Clemens Schick (links) stärkt sich für die Lesung, Nico Hofmann (Mitte) steht Rede und Antwort.
          Schauspieler Clemens Schick (links) stärkt sich für die Lesung, Nico Hofmann (Mitte) steht Rede und Antwort. : Bild: Jens

          Und dann, und das wird an diesem Abend deutlich wie selten, wollte Hofmann den Erfolg beim Publikum auch deshalb, weil er eine Mission hat: Seine Filmprojekte zum Nationalsozialismus und den deutschen Verbrechen folgen dem Wunsch zu verstehen, wie das geschehen konnte, und vor allem: wie sein Vater, der Wehrmachtssoldat, dabei mitmachen konnte. Hofmann will die Antworten festhalten für eine Nachwelt, die bald keine Zeitzeugen mehr hat, denen sie diese Fragen stellen kann (ein leidenschaftlicher Antrieb, den er mit dem verstorbenen Feuilleton-Herausgeber dieser Zeitung geteilt habe, Frank Schirrmacher, an den Hofmann an diesem Abend immer wieder erinnerte).

          Hofmanns Vater wiederum konnte erst spät über das reden, was er im Russlandfeldzug erlebt hatte, eine Quelle für „Unsere Mütter, unsere Väter“. Diese Geschichtsfilme muss man, angefangen von Hofmanns Abschlussarbeit an der Münchner HFF, „Der Krieg meines Vaters“ von 1984, wohl als eine Art Ahnenforschung sehen, und als der Moderator, Daniel Bröckerhoff vom ZDF, Hofmann dann fragt, warum er sich und dem Vater diese Auseinandersetzungen zugemutet habe, lautet die Antwort: „Weil mir auch weh getan wurde.“ Die Scheidung der Eltern hat dem pubertierenden Jungen sehr zu schaffen gemacht, das wurde zur investigativen Kraft.

          Das sind die autobiographischen Passagen des Buchs, das Hofmann gemeinsam mit Thomas Laue geschrieben hat und aus dem der Schauspieler Clemens Schick vorliest: von dem Heimkino im Hobbykeller, davon, wie Hofmann mit seiner Super-8-Kamera 1971 den Fastnachtsumzug in Ludwigshafen drehte und auf der Ehrentribüne neben dem rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Helmut Kohl landete (ein Beweisfoto findet sich im Buch). Von den Nächten, als die Filmemacher des Prager Frühlings im Wohnzimmer der Hofmanns rauchend, trinkend und redend die Nächte zum Tag machten, weil der Vater Pressesprecher der Internationalen Filmwoche Mannheim war. Den Sohn hat das elektrisiert: „Film hat etwas mit Wirklichkeit zu tun.“ Schick dreht leider oft ziemlich auf, um es bedeutsam zu machen – aber auch das passt ja zum Werk Nico Hofmanns.

          „Mehr Haltung, bitte!“ heißt das Buch: weil Hofmann keine reine Autobiographie wollte („zu eitel“) und die erste Version verworfen habe. Deswegen verbinden sich Erinnerungen an Götz George oder Bernd Eichinger jetzt mit den Konflikten von heute: „Es geht einfach nicht“, sagt Hofmann zu den geschichtsrevisionistischen Kräften der AfD um Höcke und Gauland genau wie zur „Echo“-Verleihung an antisemitische Rapper, deren Musik von der Bertelsmann Music Group vertrieben wird. Und er verlangt, dass sich die Eliten aus Film und Fernsehen stärker einmischen: Wem, wenn nicht ihnen, wird zugehört?

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