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Querdenker-Bewegung : Das banale Nichts

  • -Aktualisiert am

Querdenker-Demonstration am Wittelsbacher Platz in München Bild: Imago

Die Querdenker eint nicht der Bezug auf eine rechte oder linke Ideologie. Ihr gemeinsamer Kern ist der politische Nihilismus. Ein Gastbeitrag.

          4 Min.

          Querdenken ist zum Markenzeichen einer Auflehnung geworden, die als ‚Bewegung’ nach den Regeln des Marketing von Werbestrategen organisiert ist, die ihre Impulse von Populisten und Verschwörungsideologen, von Identitären und ‚Reichsbürgern‘, von Rechtsextremen, von kreidefressenden AfD-Politikern im Schafspelz, von Sektierern und Narren erhält. Provokation und Usurpation sind die Methoden, Ziel ist die Destruktion von Normen und Regeln, die friedlichem Miteinander und vernünftigem Interessenausgleich in Staat und Gesellschaft dienen. Ursachen sind die Verweigerung von Solidarität und Toleranz und die kollektive Entfaltung unbeschränkter Egozentrik.“ So bilanziert Wolfgang Benz einen gerade von ihm im Metropol-Verlag herausgegebenen Sammelband, in dem ausgewiesene Szenekenner die verschiedenen Akteursgruppen in detaillierten Fallstudien durchweg gut lesbar untersuchen.

          Was hält die Querdenker zusammen? Ihre Spannbreite und weltanschauliche Heterogenität hätte kaum vermuten lassen, dass sie im Aufstand gegen die Corona-Maßnahmen ein „sozialmoralisches Milieu“ bilden könnten. So hatte der Soziologe M. Rainer Lepsius die weltanschaulich gebundenen Wählermilieus der Kaiserzeit genannt. Dieses Milieu hingegen ist nicht mehr durch gemeinsame Überzeugungen, Wählermobilisierung oder wirtschaftliche Interessen verbunden, sondern durch ein konvergentes Nein! Personen, die sich unter dem einmal zur Selbstbeschreibung und als Kompliment verstehbaren Etikett des „Querdenkers“ versammeln, entstammen anthroposophisch-eso­terischen Zirkeln, lebensreformerischen und grün-alternativen Gruppen, Rechtsparteien, christlich-fundamentalistischen Kreisen, Protestbewegungen gegen urban-industrielle Großprojekte und atomare Aufrüstung und nicht zuletzt Mutanten der DDR-Bürgerbewegung via Montagsdemos und Pegida-Aufmärschen. Was bildet da „die Durchdringung von Umgebenen und Umgebenden, deren wechselseitige Bedingtheit“, wie die Wissenschaftshistorikerin Christina Wessely einmal den Milieubegriff allgemeiner definiert hat? Die durchweg geringe Kohäsion der Einzelakteure lässt an einen Aufstand der „einsamen Masse“ (David Riesman) außengeleiteter Individuen denken.

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