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Kurt Flasch wird neunzig : Hinter den Gedanken

Er verwandelt Rätsel lustvoll in Probleme: Kurt Flasch. Bild: Barbara Klemm

So macht Aufklärung den Lesern Vergnügen: Dem Philosophiehistoriker Kurt Flasch zum neunzigsten Geburtstag.

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          Kürzlich sprach Kurt Flasch in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste in freier Rede über zwei philosophische Autoren aus dem achtzehnten und dem siebzehnten Jahrhundert, Voltaire und Pascal. Er nannte eine Reihe von Gründen für sein Interesse an diesem Thema. An erster Stelle: „weil es ein Vergnügen ist – es gibt keine Schriftsteller, die so glänzend sind wie diese beiden“. Mit Zitaten illustrierte er das Geschmacksurteil, wie er überhaupt in seinen Darlegungen über Voltaires Kritik an Pascal und deren Implikationen für die Kulturbedeutung des Christentums stets vom Text ausging. Auch seine Exkurse mit Kritik an Schulmeinungen, die den Gang der Philosophiegeschichte in dogmatischer oder didaktischer Absicht zu stark vereinfachen, endeten mit dem Verweis auf Zitatbrocken, die vielleicht ummantelt und eingerüstet werden können, aber nicht aus der Welt zu schaffen sind: „Das steht wirklich so da.“

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Bei Augustinus etwa, dem Flasch 1990 einen Kommentar mit dem Titel „Logik des Schreckens“ widmete, dass die Erbsünde wirklich eine „Sünde“ ist, jedem neuen Menschen vorzuwerfen, auch wenn der erste Mensch das damit gemeinte Böse getan hat – eine Sünde, peccatum, und nicht ein von Generation zu Generation gleich einer Beule am Gebrauchtwagen weitergegebener „Schaden“, wie man es in der existentialistisch inspirierten Apologetik von Flaschs Studienzeit lesen konnte.

          Flasch, in Mainz geboren, wo er heute noch lebt, absolvierte Promotion und Habilitation in Frankfurt und bekleidete von 1970 bis 1995 einen Lehrstuhl in Bochum, dessen Zuständigkeit für „Scholastische Philosophie“ er tilgte. Denn das Adjektiv vereinfacht auch zu sehr. Das Wort Scholastik, erst nachträglich für die Theoriearbeit des Mittelalters gebildet, beschwört eine Vorstellung von vorgegebener Systematik mit kosmologischem Anspruch herauf und erschwert den Zugang zu den Texten. Den Gedanken der Hintergedanken, berichtet Flasch in seiner 2017 erschienenen, eingehend kommentierenden Untersuchung zum Frühwerk Hans Blumenbergs, fand Blumenberg, der große Denker der Latenz, der „Umbesetzung“ und des Vorbehalts, bei Pascal. Als Historiker der Philosophie ist Flasch bemüht, die in den Texten deponierten Hintergedanken von denen zu unterscheiden, die von den Interpreten mitgebracht werden und angesichts ihres Einflusses auf die Interpretation Vordergedanken heißen könnten.

          Flasch ist Gelehrter von Beruf, liest also für andere. Doch er möchte, dass seine Leser nicht nur ihn lesen. Er hat ein Nietzsche-Brevier herausgebracht und gab seiner Übersetzung der „Göttlichen Komödie“ eine „Einladung, Dante zu lesen“, bei. In München forderte Hans Maier ihn auf, die Voltaire-Auswahl herauszugeben, die im Lichte des Vortrags in keinem gebildeten Haus fehlen darf.

          Von Voltaire zitierte Flasch den an Pascal gerichteten Satz: „Der Mensch ist durchaus kein Rätsel, wie Sie ihn darstellen, nur um das Vergnügen zu haben, es zu erraten.“ Flasch gab seine Sympathie für Voltaires Einwand zu erkennen, die Erbsünde könne den Menschen nicht erklären, da ein Mysterium noch nie eine Erklärung gewesen sei. Das bedeutet aber nicht, dass Flasch das Vergnügen am Lösen selbstgemachter Rätsel als böse verurteilt. Dass Philosophen sich diesem Vergnügen hingeben, trägt zu dem Vergnügen bei, das sie ihren Lesern gewähren. Nimmt man ein Mysterium nicht als Erklärung, sondern als etwas, das der Erklärung bedarf, hat man es in ein Problem verwandelt. Nach dieser Methode der Aufklärung hat Kurt Flasch sein Leben lang gelesen und geschrieben. An diesem Donnerstag feiert er seinen neunzigsten Geburtstag.

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