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Philosoph Charles Taylor : Gegen die Minus-Vernunft

Ohne individualistische Verengung des Freiheitsbegriffs: Charles Taylor Bild: Laif

Machen wir es uns mit der Entzauberung der Welt zu einfach? Der Philosoph Charles Taylor wird neunzig.

          2 Min.

          Das Wort Entzauberung sagt sich so leicht. Die entzauberte Lebensform wähnt sich auf einem zivilisatorischen Höhepunkt, allein dem Tatsachenglauben verpflichtet. Entzauberung firmiert dabei als Fortschrittsvokabel, ähnlich der vielgepriesenen Nüchternheit. Das Verzauberte entzaubern – das bedeutet, vom Irrealen zum Realen zu gelangen. So weit der eingebürgerte Sprachgebrauch. Was aber, wenn es sich umgekehrt verhalten würde, fragt der Philosoph Charles Taylor: Wenn der Gottesglaube das Selbstverständliche wäre und der methodische Atheismus ein Minderheitsvotum darstellte?

          Christian Geyer-Hindemith
          Redakteur im Feuilleton.

          Dann hätten wir auch eine Zivilisation, nur keine solche, die auf dem „etsi Deus non daretur“ aufbaute, als gebe es Gott nicht, wie der Budenzauber des Naturalismus lautet. Dann erschiene umgekehrt die Gottlosigkeit als begründungspflichtig. Warum Taylor zu den großen Säkularisierungs-Theoretikern gehört, hat damit zu tun, dass er die Frage nach Gott modernekritisch einfach umdrehte. Nicht nach Art von Substraktionstheorien wollte er die Moderne denken, also nicht so, dass der Mensch sich erst seiner Transzendenzen entledigt hätte, bevor er das Licht der Vernunft erblickte. Sondern um­gekehrt erklärte Taylor die Transzendenzlosigkeit zu einer Schwundstufe der Vernunft, zur Minus-Vernunft. Er sagt: Vernunft ist nicht das, was übrigbleibt, nachdem man von ihr den Gottesbezug abzieht.

          Jedenfalls gelte es wahrzunehmen, dass der Atheismus ideengeschichtlich genauso wenig vom Himmel gefallen sei wie der Theismus. Beides sind geschichtlich angereicherte Konzepte, und keinesfalls kann der Atheismus beanspruchen, als die Essenz des Menschseins hervorzutreten, wenn alle Mythologeme erst einmal substrahiert, abgetragen, sind. Genau dies, die Vorstellung vom Atheismus als dem geschichtslosen Kern der Vernunft, „genau dies ist der Fehler, den die Substraktionserklärungen der neuzeitlichen Entwicklung begehen. Um den Ort, an dem wir uns befinden, richtig darzustellen, müssen wir zurückgehen und die Geschichte ordentlich erzählen“, heißt es in Taylors Buch „Ein säkulares Zeitalter“.

          Ein Hegel-Kenner

          So geschichtlich hergeleitet, kollabieren Selbstverständlichkeiten. Und eben nicht nur jene der Transzendenzen, sondern auch jene der Immanenzen. Deren Angst-Szenarien (Taylor spricht von den „Fragilisierungen der Immanenz“) sind dem religiösen Glauben zwar nicht fremd, aber die Gottes-These kann ihnen doch die Spitze nehmen. Die Verleugnung der Transzendenz oder besser: den Verlust ihrer Selbstverständlichkeit macht Taylor verantwortlich für die liberalistischen Fehlentwicklungen der Mo­derne. Von diesem Verlust her er­kennt er ein Versiegen von moralischen Quellen, ohne welche das Selbst- und Weltverständnis des Menschen defizitär bleibe, wie er in seinem Hauptwerk „Quellen des Selbst. Die Entstehung der neuzeitlichen Identität“ darzulegen suchte. Es ist dieser religionsphilosophische Kern, um den herum Taylor seine An­thropologie baute, über Jahrzehnte in etlichen Büchern und Aufsätzen entfaltete, dabei durchgängig den psychologischen Behaviorismus als Fehlanzeige brandmarkend. „Wie wollen wir leben?“ – diese bewusst voluntaristisch formulierten, vom aufgeklärten In­di­viduum her gestellte Frage nimmt die Sinnfrage in die eigene Regie.

          Hier schließen Taylors Überlegungen zu den Grenzen der menschlichen Autonomie an. Angefangen von der auf Gemeinschaft bezogenen Erfüllung des Individuums über das Konzept der multikulturellen Gesellschaft („Multikulturalismus und die Politik der Anerkennung“) bis hin zu sprachtheoretischen Überlegungen („Das sprachbegabte Tier“). Schon in „Negative Freiheit“ ging es dem Hegel-Kenner Taylor (sein Hegel-Buch war im englischsprachigen Raum eine Sensation) um den Abgleich der Kontingenz-Idee, der behaupteten Zufälligkeit von Existenz, mit der Verbindlichkeit von Lebensformen, in denen sich der einzelne Mensch immer schon wiederfinde und die von einer neutralen Vernunft-Konzeption – für Taylor ein Phantasma – nicht überstiegen werden könnten.

          Der Emeritus an der McGill-Universität in Montreal, der auch in Oxford lehrte, hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten, vom Templeton-Preis über den Kyoto-Preis bis zum Joseph-Ratzinger-Preis. Am heutigen Freitag wird Charles Taylor neunzig Jahre alt.

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