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Tierethik : Können sie leiden?

  • -Aktualisiert am

Klug, sensibel und geboren, um getötet zu werden: Im Jahr 2019 haben 55 Millionen Schweine in deutschen Schlachthöfen ihr Leben gelassen. Bild: dpa

Ratten im Labor, Sauen im Schlachthof: Seit Jahren kämpft die Tierethik gegen dieses Elend. Immer öfter ist dabei die Rede von politischen Rechten. Der Philosoph Bernd Ladwig macht sinnvolle Vorschläge.

          5 Min.

          Im vergangenen Jahr sind mehr als 760 Millionen Tiere in deutschen Schlachthäusern getötet worden. Unter ihnen befanden sich rund 620 Millionen Hühner, 55 Millionen Schweine und drei Millionen Rinder. Hinzu kommen mehr als 18.500 Tonnen Fisch, der in Aquakulturen gezüchtet wurde. Schon die Zahlen erlauben Rückschlüsse auf die Lebensqualität, Verbesserungen fallen meist bescheiden aus: Vor einigen Wochen hat der Bundesrat neuen Regeln für die Schweinehaltung zugestimmt. Der Kompromiss sieht unter anderem vor, dass die Fixierung von Sauen in Kastenständen beschränkt wird – nach einer Übergangszeit von acht Jahren. Ein Kastenstand ist etwa siebzig Zentimeter breit und zwei Meter lang, also etwas größer als die Sau, die darin Platz finden soll.

          Kai Spanke

          Redakteur im Feuilleton.

          Ihr Leben dauert zwei bis drei Jahre. Sie steht auf Spaltenböden, sieht nie die Sonne, wird künstlich besamt und bekommt etwa fünfmal Junge, zu denen sie keinen natürlichen Kontakt pflegen kann. Wenn sie im Schlachthof ist – die Reise dorthin darf einer EU-Verordnung zufolge vierundzwanzig Stunden dauern –, gerät sie in Panik, sobald sie das Blut ihrer Artgenossen riecht. Sie wird betäubt, „gestochen“ und in sechzig Grad heißem Wasser abgebrüht. Etwa fünfhunderttausend Schweine wachen jedes Jahr bei dem Bad wieder auf, weil der Schlächter sein Handwerk nicht sachgerecht durchgeführt hat.

          Spitzfindigkeiten und Inklusionsfuror

          All dies ist aus Zeitungsreportagen und Fernsehdokumentationen geläufig. Jeder kennt die entsprechenden Aufnahmen, kaum jemand wird behaupten, es sei unproblematisch, Tiere als bloße Ressource zu halten. Dennoch scheint uns dieses Wissen zu überfordern, weil wenig daraus folgt. Im deutschen Tierschutzgesetz steht: „Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schaden zufügen.“ Da fragt sich, was ein vernünftiger Grund ist, wo Leid beginnt und ob ein Grashüpfer in dieselbe Kategorie von Tier fällt wie eine Ente oder Kuh. Die Philosophin Hilal Sezgin sagt über unseren Umgang mit Tieren: „Irgendwie stecken wir in einer Sackgasse, weil das, was derzeit offenbar legal ist oder am Rande der Legalität als Routine geduldet wird, so gar nicht unseren moralischen Vorstellungen und unserem Bild von einer zivilisierten Gesellschaft entspricht.“

          Mit rund 620 Millionen Individuen stellen Masthühner die größte Gruppe der 2019 in Deutschland getöteten Landtiere.

          Auch Argumente, die sich nicht auf das Leid der Tiere beziehen, scheinen denselben Effekt zu haben, sie klingen alarmierend und zugleich theoretisch: Die industrielle Tierhaltung heizt die Erde stärker auf als der Transportsektor; würde nicht so viel Getreide an Nutztiere verfüttert, gäbe es deutlich weniger hungernde Menschen auf der Welt. Ein ertragreicher Austausch über tierethische Positionen findet vor allem im akademischen Rahmen statt. Während sich Philosophen vor fünfzig Jahren noch dafür gerechtfertigt haben, über unsere Pflichten gegenüber Tieren nachzudenken, sind Bücher wie Peter Singers „Animal Liberation“ (1975) oder Tom Regans „The Case for Animal Rights“ (1983) mittlerweile zu Klassikern avanciert. Gleichwohl krankt die Debatte an Theorien, deren Spitzfindigkeiten jeden praktischen Wert von vornherein ausschließen, und an einem Inklusionsfuror, welcher Tiere so stark vermenschlicht, dass es an Herablassung grenzt.

          Die stärkere Präferenz gibt den Ton an

          Bernd Ladwig, Professor für Politische Theorie und Philosophie an der Freien Universität Berlin, betrachtet unseren Umgang mit Tieren aus guten Gründen als Ergebnis systemischer Übel. In seinem neuen Buch „Politische Philosophie der Tierrechte“ hebt er hervor, dass derartige Missstände zur „Grundordnung moderner Gesellschaften“ gehören. Deshalb sei es sinnvoll, Tierethik und politische Philosophie zusammenzuführen. Schon Singer und Regan haben aufgeladene Begriffe wie „Gerechtigkeit“ und „Befreiung“ gebraucht – und das Fundament der Disziplin gelegt, auf das sich alle anderen beziehen.

          Singer ist Verfechter des Präferenz-Utilitarismus. Er plädiert dafür, jene Tiere in die moralische Gemeinschaft aufzunehmen, die empfindungsfähig sind und ein Interesse daran haben, positive Gefühle zu mehren und negative zu meiden. Damit orientiert er sich an Jeremy Bentham, der 1789 schrieb: „Die Frage ist nicht ,Können sie denken?‘ oder ,Können sie reden?‘, sondern ,Können sie leiden?‘“ Allerdings ist Singer ein Apologet des Aggregationsprinzips, welches besagt, dass negative und positive Folgen gegeneinander aufgewogen werden können. Dabei gibt die stärkere Präferenz den Ton an. Es geht nicht darum, Mensch und Tier gleich zu behandeln, sondern vergleichbare Interessen von Individuen auf gleiche Weise zu berücksichtigen. Insofern schließt Singer Tierversuche nicht grundsätzlich aus.

          Institutionalisiertes Unrecht 

          Im Gegensatz dazu fordert Regan deren Abschaffung, weil sich Interessen in einem ethischen Diskurs nicht aufrechnen ließen. Vielmehr habe jedes Lebewesen der moralischen Gemeinschaft einen inhärenten Wert und verdiene Respekt. Singer, so der triftige Einwand, nehme Tiere nicht um ihrer selbst willen ernst, er betrachte sie lediglich als „ersetzbare Behälter“ für Freude und Frust. Regans Tierrechtsansatz und Singers Präferenz-Utilitarismus sind faszinierend und anspruchsvoll durchdacht, lassen aber alltagspraktische Zusammenhänge außen vor.

          Dagegen wendet sich die Philosophin Cora Diamond. Sie möchte die anthropologische Differenz, also die Annahme einer unüberwindbaren Verschiedenheit zwischen Mensch und Tier, aufrechterhalten. Denn das ganz normale Miteinander schaffe automatisch Ungleichheit; erst die Wirklichkeit öffne einen Raum für ethische Reflexionen. Laut Diamond sollten wir unser Denken so einstellen, „dass es auf die Realität anspricht“.

          Menschenrechte als Tierrechte?

          Auch Bernd Ladwig möchte mit lebensnahen und scharfen Kommentaren die „Wichtigkeit öffentlicher Bewusstseinsbildung“ untermauern: „Der Staat, der seine Zwangsmittel dazu einsetzt, das institutionalisierte Unrecht an den Tieren etwa gegen die Undercover-Recherchen und Befreiungsaktionen von Tierschützern zu verteidigen, sollte sie stattdessen dafür verwenden, das Unrecht zu beenden.“

          Ladwig schließt sich der Position Regans im Wesentlichen an und behauptet gegen jede Intuition, die Menschenrechte seien strenggenommen Tierrechte. Bei genauerer Betrachtung ist das so abwegig allerdings nicht, immerhin sind wir das Ergebnis derselben Naturgeschichte, welche Amphibien, Fische und Vögel hervorgebracht hat. Von vielen vermeintlichen Alleinstellungsmerkmalen, etwa Werkzeuggebrauch oder Intentionalität, mussten wir uns ohnehin längst verabschieden. Würden wir uns bei den Menschenrechten nur auf höhere Vermögen wie Sprache oder Zurechnungsfähigkeit berufen, wären wir gezwungen, Neugeborene oder hirntote Personen auszuklammern.

          Grundlage von Ladwigs Argumentation ist ein interessentheoretisches Verständnis von Rechten, welches zwischen moralischen Subjekten und moralischen Objekten unterscheidet. Nicht alle, die Rechte haben, müssen bewussten Gebrauch von ihnen machen: Ein Eichhörnchen oder eine Laborratte weiß zwar nicht, was Rechte sind, aber beide haben ein Recht auf Rechte. Wer in das Leben von Tieren eingreift, darf sie Ladwig zufolge nicht nur nicht verletzen (was sofort einleuchtet), sondern schulde ihnen Fürsorge und Hilfe (was nicht auf der Hand liegt): „Und wenn die von uns gemeinsam verantwortete Gesetzgebung eine solche Kontrolle unter Umständen zulässt, müssten die Interessen der Tiere auch im politischen Prozess vorkommen.“

          Kurz bevor man geneigt ist, Ladwig überzogene Integrationswut zu unterstellen, differenziert er seine Einlassungen und macht halt vor dem Vorschlag, Tiere als politische Bürger anzuerkennen. Schließlich werden sich auch die klügsten unter ihnen nicht für Föderalismus, Gesetzgebung und den modernen Staat interessieren. Hier richtet sich der Autor gegen Sue Donaldson und Will Kymlicka, die in ihrer als Sachbuch getarnten Gleichheitsutopie „Zoopolis“ (2013) Bürgerrechte für Tiere fordern: Domestizierte Tiere werden zu Staatsbürgern, Kulturfolger zu Einwohnern, Wildtiere zu Ureinwohnern mit dem Recht auf territoriale Souveränität. Dieser Vorstoß hat Mensch-Tier-Beziehungen zum Thema der politischen Philosophie gemacht, ohne die Praxistauglichkeit zu berücksichtigen. Ladwig bleibt bodenständiger und favorisiert das „Bild des Tieres als eines primär passiven Empfängers unserer politischen Regelungen und Handlungen“. Für ihn kommen nur Menschen als moralische und politische Akteure in Betracht. Damit ist viel gewonnen. Luftschlösser sind dem Ruf und der Umsetzung tierethischer Ideen ebenso abträglich wie weltfremde Theorien.

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