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Der letzte Überlebende des 20. Juli : Wir wollten den Judenmord stoppen

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Scholtyseck: Und es ist paradox: Sosehr man den Widerständlern sozusagen noch nachträglich Glück wünscht und die Daumen drückt, so weiß man doch, dass der Aufbau der Demokratie nach einem gelungenen Attentat viel schwieriger geworden wäre, dass die totale Niederlage auch den Grundstein für das Kommende gelegt hat.

Derzeit gibt es unter Historikern eine neue Debatte um den Widerstand. Es geht um die Frage der Motive der Widerständler. Aktenfunde zeigen, dass Henning von Tresckow zum Beispiel früher von den Judenmorden wusste, als man bislang dachte. Der Historiker Johannes Hürter hat die These aufgestellt, bei Tresckow sei der Judenmord nicht das zentrale Motiv seines Widerstandes gewesen und es habe beim ihm ein „verzögertes Einsetzen der Moral“ gegeben.

Scholtyseck: Mir scheint, in der Debatte sind starke Emotionen im Spiel. Jedenfalls halte ich es für bedenklich, aus einigen Akten, die ja nur einen kleinen Teil der Wirklichkeit darlegen können, solche weitreichenden Folgerungen anzuschließen wie jene, die Sie nennen. Das scheint mir ein typisches Historikerproblem zu sein, zu glauben, man könne die gesamte Wirklichkeit nur aus Akten ableiten. Wir haben Berichte von Judenmorden, die Tresckow zur Kenntnis nahm, und wir wissen, dass seine Bemühungen, den Widerstand gegen Hitler zu organisieren, einige Monate später beginnen. Aber was wir nicht wissen, ist, wie diese beiden Fakten zueinander stehen. Es ist sehr akademisch zu versuchen, den Entschluss zum Widerstand an einen bestimmten Zeitpunkt, einen Tag zu binden, das vernachlässigt völlig das Prozesshafte des Entscheidens. Diese Art von Aktengläubigkeit geht an der menschlichen Wirklichkeit vorbei.

Boeselager: Ich kann aus eigenem Erleben nur sagen, dass für mich, aber auch für Tresckow, das zentrale Motiv für den Entschluss zum Widerstand war, dass wir von diesen Verbrechen erfuhren, die dort im rückwärtigen Heeresgebiet verübt wurden. In dem Gebiet, das nicht der Wehrmacht unterstand, möchte ich betonen. Wir wollten den längst verlorenen Krieg beenden, und wir wollten die Verbrechen stoppen, das waren die Hauptgründe für den Widerstand.

Scholtyseck: Natürlich waren die Widerständler Menschen mit Schwächen, es gab auch Antisemiten unter ihnen, nicht alle hatten nur ehrenwerte Motive für ihren Widerstand. Aber gerade in der Gebrochenheit sind sie menschlich und verständlich, und dann bleibt eben doch die Tatsache, dass sie den großen Wurf gewagt haben.

Boeselager: Schlimm war die Einsamkeit. Wenn man nicht gerade unter Gleichgesinnten war, hatte man niemanden, mit dem sprechen konnte. Man konnte nicht mal eben jemanden anrufen und sich Mut machen, es gab keine Handys. Und dann dachte ich immer, die erwischen mich noch. Bis zum 8. Mai hatte ich eine Zyankalikapsel in meiner Tasche.

Gibt es ein Vermächtnis des Widerstandes? Für das einundzwanzigste Jahrhundert, für die heute junge Generation?

Boeselager: Meine Antwort, die ich auch jungen Menschen immer gebe, ist: politische Betätigung. Man soll sich beteiligen, sich engagieren. Seinem Vaterland dienen. Das ist ja auch durch die Nationalsozialisten völlig in Misskredit gebracht worden.

Scholtyseck: Meines Erachtens ist das Vermächtnis des Widerstandes der antitotalitäre Grundkonsens, den wir bewahren sollten. Das zwanzigste Jahrhundert war das Jahrhundert der Ideologien, der Extreme. Man musste erst lernen, sich gegen diese neue Art von Diktaturen zu wehren. Und hierfür steht der Widerstand exemplarisch. Wenn man das Bewusstsein wachhält, dass unsere pluralistische Demokratie gegen alle totalitären Gefahren zu verteidigen ist, dann haben wir viel gewonnen. Das ist auch Aufgabe des zukünftigen Widerstandsgedenkens.

Man streitet derzeit um eine Hollywood-Verfilmung mit Tom Cruise in der Rolle als Stauffenberg. Was halten Sie davon?

Boeselager: Ich hoffe, dass Tom Cruise die Rolle nicht benutzt, um für seine Gemeinschaft zu werben. Scientology will ja auch einen autoritären Staat wie die Nazis. Aber sonst ist doch nichts dagegen zu sagen, dass ein großer Schauspieler Stauffenberg spielt - für den Widerstand und seine Bekanntheit ist das doch nur gut.

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