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Migration : Was bedeutet Fremdheit heute?

Multikulti auch im Vorgarten. Bild: Frank Röth

Das Gefühl von Fremdheit hat sich verändert. Gesellschaftliche Eliten glauben sogar, es sei verschwunden. Ein Irrtum. Die Definitionen haben sich verschoben.

          Es gibt fast keine Fremden mehr. Jedenfalls dann nicht, wenn man alte Definitionen dieses Begriffs zugrunde legt. Eine beispielsweise lautete: Beim Fremden handele es sich um jemanden, „der heute kommt und morgen bleibt". Das stand 1908 so bei Georg Simmel und grenzte den Fremden von bloßen Gästen wie Einheimischen ab. Der Fremde gehört dazu, hieß das, und bleibt gleichwohl als solcher erkennbar.

          Aber schon lange leben viele Einheimische wie Migranten damit, dass unklar ist, wer von ihnen morgen bleibt. So erwarteten viele Migranten in der ersten Generation eine Rückkehr in das Land, aus dem sie kamen. Das galt, ungeachtet der Realität, in Deutschland für die Italiener der fünfziger Jahre genauso wie für die Türken der Sechziger oder die Vietnamesen der Siebziger.

          Umgekehrt sorgen die überlokalen Berufswelten in Wirtschaft, Verwaltung, Wissenschaft, Kunst und Sport dafür, dass viele Einheimische nur zeitweise hier wohnen. Die Unterscheidung von Touristen, die gehen, und Fremden, die bleiben, ist nicht vollständig, wenn die Leute drei, vier Jahre lang im Ausland sind, dann zurückkehren, um bald darauf wieder von ihren Organisationen entsendet zu werden. Oder wenn sie aus Dänemark kommen, in Boston studiert haben, in München arbeiten, aber dauernd im Flugzeug nach Brüssel oder London sind. Und weil das so ist, verstehen zumindest die gesellschaftlichen Eliten alle diejenigen nicht, die darauf beharren, dass es für sie nach wie vor Fremde gibt.

          Doch auch wer nicht zum wirtschaftlichen, politischen oder künstlerischen Jetset gehört, erfährt Fremde heute anders als vor fünfzig Jahren. Auswanderung beispielsweise ist auch in wohlhabenden Ländern wie diesem kein seltener Fall. Mehr als 140000 Deutsche jährlich verließen in der vergangenen Dekade Deutschland. Allerdings beträgt die Nettoabwanderung nur etwa 25000 Personen. Also sind viele Einheimische Fremde gewesen. Das häufigste Zielland war dabei die Schweiz, gefolgt von den Vereinigten Staaten und Österreich.

          „Nation“ ist heute eine von vielen Zugehörigkeiten

          Zugleich ist die Mobilität auch innerhalb von Staaten stark gewachsen. Von den geschätzt vier Millionen Haushalten, die jährlich in Deutschland umziehen, wechselt immerhin ein Fünftel die Region. In ländlichen Gegenden war lange fremd, wer aus der Stadt oder aus einer anderen Region kam. Heute irritiert das nicht mehr viele und nicht lange.

          Eine andere Definition des Fremden sieht in ihm denjenigen, der schwer zu verstehen ist und dessen Zugehörigkeit unklar bleibt. Doch „Nation" ist heute nur eine von vielen Zugehörigkeiten. Der irrtümlich so genannte Gastarbeiter gehört tagsüber ebenso dazu wie koreanische Studenten im Seminar oder russische Musiker im Orchester. Und Schwerverständlichkeit kann, sofern sie sich beispielsweise auf die Sprache, religiöse Konfessionen und familiäre Gepflogenheiten bezieht, mit Integration in Zusammenhängen einhergehen, in denen das alles kaum eine Rolle spielt. Etwa weil in ihnen Englisch gesprochen wird. Oder - das Beispiel der Vereinigten Staaten - weil Zweisprachigkeit akzeptiert wird. Oder weil Geschäfte gemacht werden, für die kulturelle Differenzen gleichgültig bleiben. Oder weil es um die Durchführung von Experimenten geht, die überall dieselben sind.

          Es gibt also immer weniger Personen, die man in jeder Hinsicht als Fremde bezeichnen kann. Das besagt noch nichts darüber, welche Einwanderungsgesetze es geben sollte, wer bleiben darf und wie wohlfahrtsstaatliche Rechte verteilt und finanziert werden. Es besagt auch nichts über die Unterschiede zwischen beruflich erfolgreichen Migranten und solchen, die nur schwach in die Arbeitsmärkte integriert sind. Aber die Vorstellung, Migranten seien komplett fremd, unterschätzt die Wirklichkeit genau so wie die komplementäre Erwartung, jemand müsse sich komplett assimilieren, um ganz dazuzugehören. Dass die einheimischen Gesetze auch für Fremde gelten, ist keine Trivialität. Aber wenn man an einem reicheren Begriff von Zugehörigkeit festhält, steht der Irritation, die von Migranten ausgehen kann, die Tatsache gegenüber, dass sie auch die Erzeuger von Kombinationen aus dem sind, was sie mitbringen, und dem, was sie antreffen.

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