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Oktoberfest im Westjordanland : Hier braut sich etwas zusammen

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Auf dieser Wiesn ruhen die Konflikte: In Taybeh gibt es Israelis, Palästinenser und jede Menge Bier. 2008 trat sogar eine bayerische Blaskapelle auf. Bild: Noemi Schneider

Oktoberfest in Palästina? Seit zehn Jahren richtet eine Brauerei im christlichen Taybeh eine Nahost-Variante der Münchner Wiesn aus. Sie vereinigt Israelis, Palästinenser und Ausländer am Biertisch.

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          Taybeh liegt auf der anderen Seite. Auf der anderen Seite der Sperranlagen, die auf einer Länge von 759 Kilometern das Heilige Land durchschneiden und Israel vom Westjordanland trennen. Zwischen den Wachttürmen am Checkpoint Hizma blinzeln die israelischen Soldaten hinter der Schranke gelangweilt durch ihre Sonnenbrillen und tippen auf ihren iPhones herum. Keine zehn Kilometer entfernt, in der Jerusalemer Altstadt, liefern sich derweil palästinensische Jugendliche und israelische Sicherheitskräfte die schlimmsten Straßenschlachten seit Jahren. Auf der Frequenz 88.00 im Autoradio läuft das Woodstock-Spezial einer israelischen Hörfunkwelle. Donovans „Universal Soldier“ klingt wie ein surrealer Reisekommentar: „And brothers can’t you see / This is not the way we put the end to war.“ Frieden in Israel, das scheint tatsächlich schwer vorstellbar.

          Hinter dem Grenzübergang weisen gut erkennbare grüne Verkehrsschilder auf israelische Siedlungen hin. Die Namen der arabischen Dörfer und Kleinstädte muss man dagegen auf vereinzelten weißen Schildern mit verblasster Schrift entziffern. Da steht es endlich: Taybeh. Die Zufahrtdstraße zum Dorf schlängelt sich durch die grau-braun-rote Steinwüste. An diesem Nachmittag ist die Sicht so klar, dass an einigen Stellen das Blau des Toten Meeres zwischen den Felsen hervorblitzt.

          Nach deutschem Reinheitsgebot

          Taybeh liegt auf einem Hügel, die weißen Häuser des Dorfes tragen rote Dächer. Die Kirchenglocken läuten, über der Hauptstraße kündet ein großes Banner in den bayerischen Farben, aber mit englischer und arabischer Aufschrift: „Willkommen beim Oktoberfest!“ Seit 2005 veranstaltet der Inhaber der örtlichen Brauerei, Nadim Khoury, alljährlich eine Miniaturausgabe des größten Volksfestes der Welt. Bis vor drei Jahren fand die Wiesn von Taybeh in der Mitte des Ortes statt, der rund 1500 Seelen zählt und als einzig nahezu komplett christliches Dorf in Palästina zur Wiesn-Zeit ebenso viele Gäste lockt. Vor zwei Jahren richtete der Brauereichef sein Fest in einem Hotel in Ramallah aus, im vergangenen Jahr sagte er es wegen des Gaza-Krieges ab. Dieses Mal findet die „Westbank Wiesn“ auf dem Gelände der Brauerei statt – eine eigenwillige Mischung aus Rockkonzert, orientalischer Feier und deutscher Gemütlichkeit.

          Westbankrock auf dem Oktoberfest in Taybeh.
          Westbankrock auf dem Oktoberfest in Taybeh. : Bild: Fadi Dahabrah

          Über den von Zweckbauten gerahmten Innenhof sind Sonnensegel gespannt, ein paar Wimpelbänder flattern im Wind, und die ersten Gäste haben es sich schon an den hölzernen Biertischgarnituren bequem gemacht. Auf der Bühne heizt eine junge Frau den Besuchern ein: „Welcome to the Taybeh-Oktoberfest! Jalla! Auf geht’s!“, ruft sie. Aus den Boxen dröhnt französische House-Musik. Später werden Live-Bands aufspielen. Der Eintritt zum Oktoberfest kostet zwanzig Schekel, das entspricht etwa fünf Euro. Sicherheitskräfte überprüfen die Taschen. An der Zapfanlage wird Bier in Plastikbechern ausgeschenkt, umgerechnet drei Euro kostet ein Viertelliter. Maßkrüge sucht man auf dieser Wiesn vergebens. Aber das goldfarbene Taybeh-Bräu wird nach dem deutschen Reinheitsgebot hergestellt.

          Englisch ist die Umgangssprache

          Die Frau auf der Bühne ist Madees Khoury, die 29 Jahre alte Tochter des Brauereichefs Nadim Khoury. Auf ihrem schwarzen T-Shirt prangt in silbernen Lettern der Schriftzug „Oktoberfest Starlet“, und wenn sie nicht gerade das Bühnenprogramm moderiert, zeigt sie Besuchern die Brauanlagen mit den stählernen Tanks. Das Brauhandwerk hat sie von ihrem Vater gelernt, der während seines Studiums in Amerika mit dem Bierbrauen begann – im Studentenwohnheim. Nach dem Osloer Abkommen von 1993 kehrte er mit seiner Familie aus den Vereinigten Staaten in sein Heimatdorf zurück und gründete die erste palästinensische Brauerei im Westjordanland. 1995 schenkte er sein erstes eigenes Bier aus. „The Finest in the Middle East“ lautet der Slogan des Familienbetriebs. Mittlerweile produziert die kleine Firma für den Markt in Israel, Europa und Amerika.

          Wiesn-Erfahrung hat Madees Khoury eher auf Umwegen gesammelt. Als sie einen Brauereikurs in China absolvierte, besuchte sie dort ein „chinesisches Oktoberfest“. In München war sie dagegen noch nie. Wie die Idee für eine palästinensische Variante entstanden sei? Mit dem Begriff Oktoberfest verbinde hier jeder Völkerverständigung und Lebensfreude, sagt Madees Khoury. Viele Palästinenser studierten in Deutschland oder hätten Verwandte dort. Und alle, die sich mit dem Bauereiwesen beschäftigen, träumten ohnehin von einem „Event“ wie diesem. „Also haben wir es einfach probiert.“ Zugeschnitten auf den Nahen Osten.

          Eine Blaskapelle vom Tegernsee

          Auf dem Festplatz in Taybeh ist Englisch die Umgangssprache. Vor allem „Internationals“ drängen sich auf den Bänken: ausländische Journalisten, Mitarbeiter von NGOs, Touristen und zahlreiche sogenannte Achtundvierziger-Palästinenser, also arabische Staatsbürger Israels. Auch ein Paar in Dirndl und Lederhosen ist unter den Besuchern. Es kommt aus Traunstein und unternimmt gerade eine christliche Pilgerreise durch Israel. Sie sind nicht die ersten Taybeh-Wiesn-Gäste in Tracht. 2008 spielte eine Blaskapelle vom Tegernsee hier auf.

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          Jüdische Besucher allerdings kann man an einer Hand abzählen. Unter ihnen ist Yoav Stern, der bei der israelischen Tageszeitung „Haaretz“ für arabische Angelegenheiten zuständig war. Vier oder fünf andere Juden habe er ausgemacht, sagt er. Dem Journalismus habe er mittlerweile den Rücken gekehrt, er arbeite jetzt in der Immobilienbranche. Dann stößt er lachend mit seinen Freunden an.

          Eine Verschnaufpause vom Nahost-Konflikt

          Statt Steckerlfisch, Schweinsbraten und halbe Hendl wie auf der Theresienwiese bieten die Essenstände arabische Spezialitäten feil: Falafel, gegrilltes Fleisch in Fladenbrot und süße Teigwaren wie Knafé. Die Raumordnung dagegen ist eher münchnerisch. Man setzt sich einfach dorthin, wo noch Platz frei ist, und schon kommt man ins Gespräch. Die blonde Mittfünfzigerin heißt Kira, ist Russin und orthodoxe Christin. Sie ist mit ihrem erwachsenen Sohn Abud und ihrem Ehemann Abdul gekommen. Beide sind Muslime. Doch besonders Kiras Mann liebt Bier und das Oktoberfest, wie er sagt, deshalb gehört die Familie seit Jahren zu den Stammgästen der Familie Khoury. Abud dagegen ist in erster Linie wegen der Musik hier, wegen Jowan Safadi und seiner Band Fish Samak, die bald auftritt.

          Eine bayerische Blaskapelle im Westjordanland.
          Eine bayerische Blaskapelle im Westjordanland. : Bild: dpa

          Jowan Safadi ist so etwas wie der erste palästinensische Indie-Musiker. Einen Tisch weiter singt sich der Vierzigjährige mit seinen Bandmitgliedern ein. Safadi stammt aus Nazareth und ist israelischer Palästinenser, er lebt und arbeitet in Haifa. Seine Musik, die in Palästina äußerst populär ist, changiert zwischen Rock, Punk, Broken Beats und Spoken Word – in seinen Texten setzt Safadi sich humorvoll und kritisch mit den politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen in seiner Heimat auseinander. Als es Abend geworden ist, stimmt die Band ihren Hit „In the Arms of Occupation“ – in den Armen der Besatzer – an. Die älteren Gäste erheben sich von den Sitzplätzen, um der Jugend die Tanzfläche zu überlassen. Abud tanzt ausgelassen vor der Bühne. Denn Jowan Safadi singt nicht nur über politische Themen sondern auch über Beziehungen, Frauen, Selbstbestimmung und Sex. In der arabischen Gesellschaft berührt er damit Tabuthemen. Beim Oktoberfest scheint alles möglich, und die „Westbank-Wiesn“ wirkt wie ein Ort, an dem der Nahost-Konflikt sich eine Verschnaufpause gönnen kann.

          Spät am Abend, als die Sonne schon untergegangen ist, drängen sich immer noch Einheimische vor dem Einlass, während sich die „Zugereisten“ auf den Heimweg machen, fünfzehn Kilometer zurück nach Jerusalem durch die Nacht auf unbeleuchteten, namenlosen Straßen, vorbei an müden israelischen Soldaten hinter Schranken zwischen Wachttürmen, die gelangweilt auf ihren iPhones herumtippen. 21 verletzte Palästinenser in Jerusalem, drei verletzte israelische Grenzpolizisten, verkündet der Nachrichtensprecher.

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