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Der Kardinal und die Kunst : Meisner in der Abseitsfalle

Wie unbedacht war sein Wort? Kardinal Meissner Bild: dpa

Fast elf Jahre lang hat es bis zur Fertigstellung des Kunstmuseums Kolumba gedauert. Kardinal Meisner hat das mehr als einmal auf der Kippe stehende Projekt stets befürwortet. Jetzt hat er mit einer einzigen Formulierung zur Eröffnung einen Eklat ausgelöst - ein Vorfall nicht ohne Tragik, meint Andreas Rossmann.

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          Es ist ein unkonventionelles Denkmal, das sich das Erzbistum Köln mit seinem Kunstmuseum Kolumba gesetzt hat, gerade auch, weil dieses, bei aller Einladung zur Einkehr, so weltzugewandt und zeitgemäß auftritt. Fast elf Jahre hat es von der Auslobung des Wettbewerbs bis zur Fertigstellung gedauert.

          Andreas Rossmann
          Freier Autor im Feuilleton.

          Mehr als einmal soll das anspruchsvolle Projekt auf der Kippe gestanden haben, unüberbrückbar schienen die Ansprüche des qualitätsbesessenen Architekten Peter Zumthor und die Möglichkeiten des Bauherrn auseinanderzuklaffen, doch immer wieder haben sich beide Seiten zusammengerauft, und hätte Joachim Kardinal Meisner es nicht von Anfang an befürwortet und gerade auch gegen innerkirchliche Kritik, nach der die Mittel von - am Ende - 38,3 Millionen Euro besser in soziale Aufgaben zu investieren seien, verteidigt, es wäre nie zustande gekommen. „Wir haben miteinander gelitten und gestritten“, hatte der Erzbischof dem Baumeister beim Richtfest zugerufen.

          „Schlimme Entgleisung“

          Doch nun hat ein einziges unbedachtes Wort, das so unbedacht, wie auf Nachfrage bestätigt wurde, gar nicht war, genügt, um aus der feierlichen Eröffnung am Freitag einen kulturpolitischen Eklat zu machen, und dafür gesorgt, dass nicht (so sehr) über das neue Haus, die Architektur und die Kunst gesprochen wird, sondern über den Erzbischof und seine verbale Entgleisung. „Dort, wo die Kultur von der Gottesverehrung abgekoppelt wird, erstarrt der Kultus im Ritualismus und die Kultur entartet. Sie verliert ihre Mitte“, sagte Meisner beim Festgottesdienst im Dom, dessen neues, von Gerhard Richter entworfenes Südquerhausfenster er als beliebig und besser in eine Moschee passend kritisiert hatte. Gleich zweimal innerhalb von nicht einmal drei Wochen betätigt sich der Kardinal als Nestbeschmutzer. Doch diesmal wird er grundsätzlich und proklamiert ein normatives Kunstverständnis.

          Die Reflexe auf seine Äußerungen waren so zutreffend wie vorhersagbar: „Dass Kardinal Meisner sich zu einem solchen Sprachgebrauch hinreißen lässt, ist erschreckend und zeigt, dass er keinerlei Zugang zu Kunst und Kultur hat“, erklärte der nordrhein-westfälische Kulturstaatssekretär Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff und fand damit „bewiesen, dass es wenig Sinn macht, mit ihm über Kunst zu diskutieren“. Als „verstörend“ empfand der Schriftsteller Ralph Giordano das „äußerst diskriminierende Wort“, betonte aber, Meisner habe sicher keinen positiven Bezug zum Nationalsozialismus herstellen wollen. Auch Gerhard Richter, der die Missbilligung seines Fensters gelassen genommen hatte, kritisierte den Sprachgebrauch: „Zwar kann uns der Hitler nicht alle Wörter verbieten. Aber das Wort ,Entartung' im Zusammenhang mit Kunst zu benutzen ist eine schlimme Entgleisung.“ Deutlich weiter geht der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, Stephan Kramer, der Meisner einen „notorischen geistigen Brandstifter“ nannte, der die Grenzen des Erlaubten vorsätzlich überschreite: „Wenn das Schule macht, darf sich keiner wundern, wenn der braune Ungeist in Deutschland weiter salonfähig wird.“ Bundestagspräsident Norbert Lammert, der in der Predigt viele kluge Bemerkungen zum Verhältnis von Kunst und Kultur, Kult und Religion entdeckt haben will, sprach von einer „völlig unbegreiflichen“ Formulierung.

          Nicht frei von Tragik

          Indessen ist auch die Rede, dass die Kultur ihre Mitte verliere, nicht ohne ideologische Implikationen, bezieht sie sich doch, bewusst oder nicht, auf jene Kunst- und Kulturkritik der Moderne, die Hans Sedlmayr 1948 mit dem Titel „Verlust der Mitte“ publizierte. Vorbereitet in den dreißiger Jahren, als der in Wien lehrende Kunsthistoriker öffentlich für den Nationalsozialismus eintrat, attackiert er darin gerade auch Künstler, die bis 1945 als „entartet“ vertrieben oder verfolgt wurden, mit Argumenten, die den Schlagworten des Dritten Reichs ähneln. Insofern muss sich Meisner fragen lassen, ob er sich nicht nur im Wort vergriffen, sondern auch einer Denkweise angenähert hat, mit der er sich disqualifiziert. Nichts liege dem Erzbischof ferner als das nationalsozialistische Gesellschaftsbild oder Kulturbild, beeilte sich Generalvikar Dominik Schwaderlapp klarzustellen: Die Reaktionen der Öffentlichkeit, so berichtete er, hätten den Kardinal getroffen, „zumal es diametral entgegengesetzt ist zu dem, was er gemeint hat“. Nur, warum schafft es Meisner, ein Mann des Worts, immer wieder, dass er so heftig missverstanden wird?

          Der Eklat ist nicht frei von Tragik. Denn Meisner hat ganz offensichtlich Sinn, Inhalt und Konzeption des Vorhabens, das er maßgeblich möglich gemacht und über Jahrzehnte gefördert hat, nicht verstanden. Geht es in seiner Sammlung und ihrer Präsentation doch gerade nicht „nur“ um Kunst, die sich an Gottesverehrung koppelt, sondern um sehr verschiedene, auch konträre ästhetische und darin gedankliche Positionen, die voneinander ab- und miteinander in Dialog gesetzt werden. Nichts ist dem Kardinal, der der Kunst so viel zutraut, jetzt vielleicht mehr zu wünschen als ein unvoreingenommener, intensiver, augen- und sinnenöffnender Besuch in „seinem“ Museum.

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