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Al-Nuri-Moschee von Mossul : Aufforderung zum Dschihad

  • -Aktualisiert am

Die Al-Nuri-Moschee in der umkämpften Stadt Mossul wurde zerstört, weil sie nicht in das Weltbild der Extremisten passte. Bild: AFP

Die Zerstörung der Al-Nuri-Moschee in Mossul wurde medienwirksam inszeniert. Wie schon zuvor zeichnet der selbsternannte Islamische Staat dafür verantwortlich. Doch warum sprengen Terroristen eine Moschee?

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          Die Vernichtung von Kulturerbe, das nicht dem puritanisch-wahhabitisch geprägten architektonischen Selbstverständnis der IS-Terrormiliz entspricht, ist eine konstante Begleiterscheinung ihrer Herrschaft, deren Ende sich nun abzeichnet. Die mediale Inszenierung dieser Verwüstungen war bislang vor allem mit dem Moment der unmittelbaren Erstürmung der Orte verbunden, die sie unter ihre Herrschaft zwang. Sie diente der Visualisierung des Sieges über eine muslimische Geschichte, die auch bauhistorisch nicht nach der Vorstellung der rückwärtsgewandten IS-Terroristen verlaufen war.

          Das multikulturelle Gesicht zahlreicher Städte in Syrien und Irak verkörpert für die Dschihadisten das Scheitern eines als „rein“ verstandenen sunnitischen Herrschaftsanspruchs, den es nun mit brutaler Gewalt durchzusetzen gilt. Dass es in den vom IS unterworfenen Gebieten dann sofort sakrale Bauten getroffen hat – und auch alle sonstigen Monumente moderner Provenienz im öffentlichen Raum – ist Resultat einer Kunstauffassung, die geradewegs aus dem Mittelalter stammt: Damals war Sakralarchitektur das öffentliche Machtsymbol schlechthin. Die Kultur der Besiegten zu beseitigen, bedeutete für die Eroberer – übrigens auch für die Kreuzfahrer –, zunächst einmal deren Gotteshäuser dem Erdboden gleichzumachen oder sie in ihrem Sinne umzubauen.

          Die große Al-Nuri-Moschee in Mossul, deren Zerstörung jetzt gemeldet wurde, entstand vermutlich vor einem solchen Hintergrund. Ihr Erbauer Nur al Din Zengi (1118 bis 1174) entstammte einer türkisch-sunnitischen Herrscherdynastie, die erbittert gegen die Kreuzzügler kämpfte. Opfer der von ihm energisch vorangetriebenen „sunnitischen Renaissance“ waren hauptsächlich Christen. Al Dins sunnitische Offensive, die mit der Eroberung Mossuls im Jahr 1170 einen Höhepunkt erreichte, war von einer Schriftreform wie auch von einer Publikations- und Baukampagne begleitet, die die Zentralität des Dschihad im islamischen Bewusstsein verankern sollten.

          Die Al-Nuri-Moschee war einst ein Wahrzeichen der Stadt Mossul.

          Der Bau der großen Moschee, die er in Mossul unmittelbar nach dessen Einnahme errichten ließ, folgte diesem Primat. Ihre Anfänge liegen archäologisch gesehen im Dunkeln, weil die Anlage in den 1940er Jahren – vermutlich wegen ihres maroden Zustands – fast vollständig abgerissen und nur zum Teil mit vorhandenen historischen Bauelementen neu aufgebaut wurde. Der deutsche Orientalist und Archäologe Ernst Herzfeld, der die Stadt zu Beginn des 20. Jahrhunderts besuchte und den Neubau in seinem richtungsweisenden Werk „Archäologische Reise im Euphrat- und Tigris-Gebiet“ dokumentierte, wusste anhand mündlicher Überlieferungen der christlichen Stadtbewohner zu berichten, dass das im Volksmund Al-Nuri-Moschee genannte islamische Gotteshaus dort anstelle einer Kirche errichtet wurde.

          Die Verdrängung des christlichen Bauerbes war zwar fester Bestandteil von al Dins Baupolitik und Mossuls Christen litten auch während seiner Herrschaft unter Repressionen. Wenngleich al Din etliche christliche Gotteshäuser verschonte, so untersagte er doch den Bau neuer Kirchen und ließ dieses Verbot auch streng überwachen. Eine große Moschee zu errichten, beschloss al Din schon während seines nur drei Wochen langen ersten Aufenthalts in Mossul.

          Der irakische Architekturhistoriker Yasser Tabaa behauptet – basierend auf der Darstellung mittelalterlicher arabischer Chronisten –, dass für den Moscheebau ein nur spärlich besiedeltes Ortsviertel ausgewählt wurde; Besitzer der umliegenden Häuser, die dem Neubau weichen mussten, seien sogar entschädigt worden. Wenn etwas Klarheit über den ursprünglichen Bau herrscht, so betrifft sie die Beschriftung der vielen Bündelsäulen, die seine zentrale Halle dominierten und mit unterschiedlichen Koranversen versehen waren: Meist mit unspektakulären Verweisen auf den Einheitsglauben und das Gebot des Gebets, aber auch mit der Betonung der Pflicht, Krieg „um Gottes willen zu führen“ – eine Aufforderung zum Dschihad.

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          Eine solche bildete denn auch den Kern der Rede des IS-Anführers Abu Bakr al Bagdadi, als er in der Al-Nuri-Moschee Ende Juni 2014 das „Kalifat“ ausrief. Die filmische Dokumentation seiner Rede war gleichsam ein Pendant zu den Zerstörungsvideos seiner Krieger: So wurde eine „richtige“, mithin für die Dschihad-Geschichte bedeutende Moschee gleich mit inszeniert. Darüber, ob die IS-Führung über deren Baugeschichte und den weitgehenden Abriss vor 70 Jahren überhaupt im Bilde ist, kann nur spekuliert werden. Sollte dies tatsächlich der Fall sein, hätten die Terroristen wohl weniger Hemmungen, sie auf ihrem Rückzug in die Luft zu sprengen. Den Amerikanern dafür die Schuld zu geben, ist in propagandistischer Hinsicht nur logisch. IS-Sympathisanten werden ohnehin nur dieser Version Glauben schenken.

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