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Jürgen Osterhammel siebzig : Welt mit Variationen

Am 2. Oktober 2019 wurde Jürgen Osterhammel im Schloss Bellevue von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier mit dem Großen Bundesverdienstkreuz mit Stern ausgezeichnet. Bild: Imago

Ein CD-Booklet zeigt, wie er auch seine Weltgeschichte komponiert: Der Historiker Jürgen Osterhammel wird siebzig.

          5 Min.

          Früher wurden produktive Gelehrte in fortgeschrittenem Alter von ihren Hausverlagen und Schülern mit mehrbändigen Ausgaben Kleiner Schriften geehrt, die zwischen Buchdeckeln zusammenfassten, was noch nicht Buch gewesen war, sondern Entwurf, Studie, Abhandlung, Vortrag, Rezension, Replik, Lobrede, Dankrede, Festrede, Nekrolog und Sammlung ungenutzten Materials. Bei Jürgen Osterhammel stünde für ein solches Unternehmen sehr viel und sehr großes Stoff zur Verfügung, denn der Konstanzer Historiker ist ein Spezialist für das Gegenteil des Spezialistischen, die Weltgeschichte, die nur in ständiger Auseinandersetzung mit der Spezialforschung von Kollegen Gegenstand von Forschung werden kann. Osterhammels Lebensarbeit ist daher von Nebenarbeiten durchwirkt.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Seine Produktivität ist auf Abwechslung angewiesen und dann und wann, weil er ein Mensch und keine Maschine ist, auch auf Ablenkung, die aber von den Problemen nicht zu weit wegführen sollte. Charakteristisch ist eine im Wortsinn sehr kleine Schrift, ein Büchlein mit quadratischen Seiten: das Be­gleitheft einer CD mit Cellosonaten von Ludwig von Beethoven und Ferdinand Ries, aufgenommen von Juris Teichmanis und Hansjacob Staemmler, die der SWR 2016 produziert hat.

          In Osterhammels Studienzeit gab es diese Publikationsform noch nicht; die Papphüllen von Langspielplatten boten nur Platz für Kurztexte. Und man muss voraussagen, dass das CD-Booklet auch wieder verschwinden oder nur als bibliophiles Luxusprodukt überleben wird. So ist dem Aufsatz über die „verschlungenen Lebensläufe“ von Beethoven und dessen zeitweiligem Sekretär Ries sozusagen die Vergänglichkeit aufgedruckt. Wenn man diesen medienhistorischen Befund unsentimental nimmt, passt er nicht schlecht zu Osterhammel. Seine Autorität in der Fachwelt und in der größeren Öffentlichkeit verdankt er nicht der Aura des Präzeptors oder der Lust an der Stellungnahme, sondern in einem für die deutsche Geschichtswissenschaft un­gewöhnlichen Ausmaß dem Habitus des Forschers: Er trifft Aussagen, die unter präzise benannten theoretischen und empirischen Bedingungen stehen und früher oder später überholt sein werden.

          Die Verwandlung der Musikwelt

          Die kleine Doppelbiographie ist ein Seitenstück zu Osterhammels Meisterwerk, der Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts, die 2009 bei C. H. Beck unter dem Titel „Die Verwandlung der Welt“ erschienen ist, Gelegenheitsarbeit und Etüde, aber nicht hingeworfen, sondern im Sinne der Präzision, die der Klavierschüler mit der Gattung verbindet. Warum gibt es Sonaten für Cello und Klavier? Osterhammel erklärt es sozialhistorisch: Ein reisender Komponist hatte Noten für solche Stücke im Gepäck, weil er in einer Hauptstadt wie London oder Berlin zur Aufführung nur einen weiteren versierten Musiker vorfinden musste – und natürlich ein auf Unbekanntes erpichtes Publikum. Was dieses betrifft, bemerkt Osterhammel, ohne sich Melancholie anmerken zu lassen: „Musiksoziologisch gesehen, könnte der Unterschied zur Gegenwart nicht größer sein.“ 

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