https://www.faz.net/-gqz-9kfd0

Arnulf Baring gestorben : Wenn es zu ruhig wurde, war ihm das verdächtig

  • Aktualisiert am

Arnulf Baring, geboren am 8. Mai 1932 in Dresden, gestorben am 2. März 2019 in Berlin, im April 2012 in einer Talkshow in Berlin Bild: Picture-Alliance

Seine Souveränität und Schnelligkeit zeichneten ihn aus – unter Historikern und in öffentlichen Kontroversen. Bei aller Provokationslust hier selbst sich „eigentlich für ein Lamm“. Am Samstag ist Arnulf Baring gestorben.

          Arnulf Baring ist tot. Der deutsche Jurist, Zeithistoriker und Publizist starb am Samstagnachmittag im Kreise seiner Familie in Berlin, wie seine Ehefrau Gabriele Baring der Deutschen Presse-Agentur bestätigte.

          1969 war Baring zum ordentlichen Professor an der FU Berlin berufen worden, wo er die kommenden fast dreißig Jahre forschte und lehrte. Er sorgte mit seinen Thesen, Essays und Talkshow-Auftritten immer wieder für Diskussionen. So verteidigte er 2010 das umstrittene Buch des ehemaligen Bundesbankvorstands Thilo Sarrazin „Deutschland schafft sich ab“. 2002 kritisierte er das „erstarrte Parteiensystem“ und rief in einem Artikel in der Frankfurter Allgemeinen zum Steuerboykott auf („Bürger, auf die Barrikaden!“).

          Geboren am 8. Mai 1932 in Dresden, stammt Baring aus einem deutschen Zweig der gleichnamigen deutsch-britischen Bankiersfamilie. Mach dem Jura-Studium an den Universitäten Hamburg, Berlin (Freie Universität), Freiburg im Breisgau, an der Columbia University in New York, der Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer und an der Universität Paris (Fondation Nationale des Sciences Politiques) schloss er seine akademische Ausbildung mit den beiden juristischen Staatsprüfungen, einem Master of Arts der Columbia University (1957) und der Promotion zum Dr. jur. (1958) an der FU Berlin ab, wo er 1968 an der wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Fakultät habilitiert wurde.

          Zunehmend konservativ und patriotisch

          1966 bis 1968 war er als wissenschaftlicher Assistent und Lehrbeauftragter am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin (FU) beschäftigt, danach hielt er sich auf Einladung von Henry A. Kissinger als Research Associate am Center for International Affairs der Harvard University in Cambridge auf. Von September 1969 bis Januar 1976 lehrte Baring als ordentlicher Professor für Politikwissenschaft Theorie und vergleichende Geschichte der politischen Herrschaftssysteme an der FU Berlin. Dann übernahm er an der FU den Lehrstuhl für Zeitgeschichte und Internationale Beziehungen (Friedrich-Meinecke-Institut). 1976-1979 war Baring außerdem im Bundespräsidialamt tätig. 1998 wurde er emeritiert.

          Das wissenschaftliche Renommee Barings gründete sich auch auf zahlreiche Veröffentlichungen zu politischen und zeitgeschichtlichen Themen. Unter anderem setzte er sich mit dem französischen Staatspräsidenten Charles de Gaulle und dem Ost-Berliner Aufstand vom 17. Juni 1953 auseinander, mit der „Außenpolitik in Adenauers Kanzlerdemokratie“ und mit Deutschland zwischen Ost und West. In seinem Hauptwerk „Machtwechsel. Die Ära Brandt – Scheel“ (1982) beschrieb er ausführlich die Politik der sozialliberalen Koalition und ihre Hauptakteure. Für diese hoch gelobte Studie war er ab 1976 für drei Jahre von seinen Lehrverpflichtungen beurlaubt worden. Nach dem Zusammenbruch der DDR und der kommunistischen Systeme in Osteuropa infolge der Öffnung der Berliner Mauer vom 9. November 1989 beurteilte Baring in öffentlichen Diskussionen und Schriften wie „Deutschland, was nun?“ die politischen Perspektiven der Bundesrepublik im Wiedervereinigungstaumel differenziert, aber mit zunehmend konservativer und patriotischer Haltung.

          Ausschluss aus der SPD

          Mit seinen Analysen und Meinungen erregte Baring auch außerhalb der wissenschaftlichen Zunft große Aufmerksamkeit. Eine scharfsinnige und deprimierende Analyse legte er mit seiner 1997 erschienenen Studie „Scheitert Deutschland? Der schwierige Abschied von unseren Wunschwelten“ vor, während er in seiner essayistischen Chronik zum fünfzigjährigen Bestehen der Bundesrepublik („Es lebe die Republik, es lebe Deutschland!“) eine positive Bilanz von Adenauer bis zur rot-grünen Gerhard-Schröder-Regierung in Berlin zog.

          Baring, der sich für einschneidende Reformen des Sozialstaates aussprach, löste immer wieder kontroverse Diskussionen aus. So kritisierte er 2002 das „erstarrte Parteiensystem“, ermunterte zum Steuerboykott und machte sich 2003 neben Initiator Peter Glotz (SPD) für das geplante „Zentrum gegen Vertreibungen“ in Berlin stark. Im September 2006 geriet Baring, der bereits 1983 nach seiner Wahlkampf-Unterstützung für den FDP-Politiker Hans-Dietrich Genscher aus der SPD ausgeschlossen worden war, verstärkt in die Kritik. Anlass war eine Rede des Berliner Historikers im Hessischen Landtag im Rahmen einer CDU-Reihe zu Eckpfeilern bürgerlicher Leitkultur, wobei er die NS-Diktatur als „bedauernswerte Entgleisung“ bezeichnete.

          Vorteil Außenseiter

          Baring, der 2003 Ehrengast der Villa Massimo in Rom war, war als provokanter und bisweilen polternder Diskutant gefragter Gast bei Talkshows von Anne Will bis Frank Plasberg. Seinen Ruf als Geschichtsschreiber mit liberal-konservativer bis patriotischer Haltung festigte er mit weiteren Büchern, so mit dem 2007 publizierten Band „Deutschland gehört nicht nur den Deutschen“.

          „Eigentlich halte ich mich für ein Lamm“, hatte Arnulf Baring der dpa vor einigen Jahren gesagt. „Aber irgendwie kommt es dann doch oft anders. Ich bin selbst immer wieder überrascht.“ Das größte Glück seines Lebens seien seine vier Kinder und seine Enkel.

          Er habe es zu seinem Vorteil gemacht, ein Außenseiter zu sein in einem Fach, das von Ordinarien beherrscht werde und in dem die Uhren langsam gingen, seine Souveränität und Schnelligkeit sei anziehend gewesen, schrieb Tobias Rüther in der Frankfurter Allgemeinen zum achtzigsten Geburtstag Barings: „Wenn es zu ruhig wird, ist ihm das verdächtig. Geboren ist Arnulf Baring an einem 8. Mai. Noch so ein Detail, aus dem man ein ganzes Leben ableiten kann.“ Arnulf Baring wurde 86 Jahre alt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Rentenangleichung : Das Märchen von der Armut

          Bald werden die Renten im Osten denen im Westen gleichgestellt sein. Manchen gilt das als Vollendung der deutschen Einheit. Es hat aber auch seine Tücken.

          Vegane Ernährung : Arbeit ohne Heiligenschein

          Immer mehr vegane und vegetarische Lebensmittel kommen auf den Markt. Um sie herum gibt es jede Menge Berufe. Wie ideologisch muss man sein, um in der Branche klarzukommen?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.