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Der Hass und seine Stimmen : Sie sind nicht krank

Ist das Gerede vom „großen Austausch“, die Drohung, dass man „sie“ jagen werde, Ausdrucksform eines grassierenden Wahnsinns? Bild: Reuters

Warum die Verbindung zwischen den Morden in Hanau und der Propaganda der Rechtspopulisten die Taten nicht weniger unfassbar macht. Und wieso es falsch ist, die Neuen Rechten zu pathologisieren.

          3 Min.

          Aus der Perspektive jener Menschen, die potentielle Opfer sind, aus der Sicht aller also, die sehr dunkle Haare haben, eine gebräunte Haut, womöglich die altmodische Angewohnheit, ein Kopftuch zu tragen, oder einen Nachnamen, der türkisch, kurdisch, arabisch klingt; auch aus der Sicht jener, die ein wenig blasser oder blonder sind und sich in der Kommunalpolitik womöglich dafür einsetzen, dass Flüchtlinge und Migranten menschenwürdig behandelt werden, aus der Sicht all dieser Menschen ist die Psychopathologie der Täter völlig nebensächlich. Aus dieser Perspektive gibt es in Deutschland einen Rassismus, der immer bedrohlicher und furchterregender wird. Einen Rassismus, den man daran erkennt, dass Rechtsextremisten geheime Netzwerke bilden und Anschläge auf Moscheen planen, damit demnächst der Bürgerkrieg beginnen könne; daran, dass Mitglieder einer im Bundestag vertretenen Partei auf „Kopftuchmädchen“ und „Messermigranten“ schimpfen, davon sprechen, dass wir Gastarbeiter gerufen hätten und Gesindel sei gekommen; daran, dass Kommunalpolitiker beschimpft, bedroht, getötet werden, wenn sie zu freundlich zu Migranten sind; oder eben daran, dass ein Mann in Bars eindringt und dort Menschen tötet.

          Claudius Seidl

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Die Angst, die man davon kriegen kann, ist unabweisbar und real, und der Hinweis darauf, dass der Täter von Hanau nicht bloß rechtsextrem, sondern womöglich völlig irre gewesen sei, ist nichts, womit man diese Angst vertreiben könnte. Und insofern fing die vergangene Woche schon mit einem Skandal an, der aber weithin übersehen wurde. Am Dienstag wurde gemeldet, dass der Wunsch diverser muslimischer Organisationen, man möge nach der Enttarnung des rechtsterroristischen Netzes in der vorvergangenen Woche die deutschen Moscheen besser schützen, von den meisten Bundesländern leider nicht erfüllt werden konnte. Einige hielten es nicht einmal für nötig, die Anfrage zu beantworten.

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