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Heinrich Bosse zum Achzigsten : Wer solche Lehrer hat, braucht keine Professoren

Er blieb Lehrer und wurde nie Drittmittelverwalter: Heinrich Bosse. Bild: Archiv

Er war seinem Fach um Jahre voraus, blieb Lehrer, wurde nie zum Drittmittelverwalter und müsste Professor honoris causa sein: Heute wird der Freiburger Literaturhistoriker Heinrich Bosse achtzig.

          Mitunter beschließt ein Fach, seine besten Forscher nicht zu Professoren zu machen. In Cambridge und Oxford ist das keine große Sache, weil ein hochanerkanntes und irgendwie auskömmliches intellektuelles Leben auch diesseits der Professur geführt werden kann. Hierzulande aber gilt sinnloserweise seit jeher und immer mehr, dass der ganze akademische Mensch bei W2 beginnt.

          Die List der Vernunft, die darin stecken kann, einen bedeutenden Forscher nicht auf den Drittmittelweg zu schicken, ihn nicht der Lehre zu entfremden, seine Verführbarkeit durch die Phrasen der Exzellenz und die Reize von Kommissionstätigkeit nicht zu erproben, zeigt sich an Heinrich Bosse. Sein Fach, die Germanistik, hat den Freiburger Literaturhistoriker nicht zum Professor gemacht. Sein Leben lang blieb er Akademischer Rat und nahm den Kollegen damit Aufgaben in der für sie oft so leidigen, offiziell natürlich für ganz, ganz wichtig erklärten Lehre ab.

          Wer sitzt auf den Lehrstühlen?

          Das war einerseits grotesk, wenn man sich anschaut, wer so alles aus seiner Generation auf Lehrstühlen untätig oder leergeschäftig herumsaß. Bosse schrieb, wenn er etwas erkannt hatte. In seiner 1978 vorgelegten Studie zur Veränderung der Schulrhetorik nach 1770 steckten ganze Sonderforschungsbereiche. Seine Habilitationsschrift über die Entstehung des Urheberrechts aus dem Geist der Goethezeit war 1981 dem Fach Jahre voraus. Die 1999 zusammen mit Ursula Renner verfasste Einführung in das „Sprachspiel“ der Literaturwissenschaft kann noch heute den paradigmengeplagten Studenten Trost und Anregung bieten, weswegen sie 2010 wieder aufgelegt wurde. Der Band seiner Studien zur „Bildungsrevolution 1770-1830“, dem deutschen Beitrag zur modernen Gesellschaft, enthält augenöffnende Aufsätze über die Rolle der Gelehrten in der Ständegesellschaft, über den Einfluss der Schiefertafel im Unterricht auf das Sprachdenken der Generation um 1800 und über die Rolle des „geschärften Befehls zum Selbstdenken“ in der pädagogischen Kultur jener Zeit.

          Womit auch schon bezeichnet wäre, weshalb es auch wieder ein Segen war, dass Heinrich Bosse Lehrer blieb und nicht Drittmittelverwalter wurde. Von seinem Naturell eigensinniger Bescheidenheit muss dabei kaum die Rede sein. Vielmehr von seinem Leitmotiv, dem autodidaktischen Erwerb von Erkenntnis. Ob Bosse über das Liebhabertheater, die Kritik des Dilettantismus, den Unterschied zwischen Musensohn und Philister oder über die Sozialgeschichte des Wanderlieds schrieb, stets lagen ihm die am Herzen, die aus eigenem Antrieb etwas lernen und erkennen wollten.

          Professor honoris causa

          Man könnte denken: die idealen Studierenden. Aber da würde Bosse wohl mehr als eine Fußnote über die biographischen Lebensführungskosten des Eigensinns und der autodidaktischen „Schreckensmänner“ vom Schlage Johann Gottlieb Fichtes, Salomon Maimons oder Karl Philipp Moritz’ machen können. Und schon wäre man in einer Diskussion mit ihm darüber, ob Dafürhalten aus eigener Meinung besser ist als das Studium eines Kanons und was es heißt, dass Rousseaus These, Bücher seien in der Erziehung das Schädlichste, in einem Buch steht. Man wäre, mit anderen Worten, mitten in einer Literaturwissenschaft, die sich keine Sorgen um den Eindruck machen müsste, es gehe auch ohne sie.

          Wenn es das Institut des Professors honoris causa gäbe, die Universität Freiburg hätte den Titel längst an einen ihrer interessantesten Geisteswissenschaftler der vergangenen vierzig Jahre verleihen können. Heute feiert Heinrich Bosse seinen achtzigsten Geburtstag.

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