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Ein Land im toten Winkel : Der Fall Ukraine ist die Niederlage Europas

  • -Aktualisiert am

Der Majdan im vergangenen Winter: Die Ukrainer, die sich in ihrem Protest nach dem modernen Europa sehnten, werden jetzt mit europäischer Missachtung bestraft. Bild: Ullstein

Alle Solidarität mit der Ukraine ist im geopolitischen Gerede versunken, als wäre die Ukraine bloß ein Objekt der Begierde der Großmächte und nicht ein eigenes politisches Subjekt. Es ist Krieg. Doch viele wollen das leugnen.

          Wenn Tausende Menschen in einem Krieg in meinem Land erschossen werden, wenn über eine Million auf der Flucht sind, wenn sich in der Kriegsregion Hunger ausbreitet und Menschen sterben in ihren grauen Kellern, wenn Tausende Kriegswaisen nach Hilfe suchen und es gleichzeitig in Deutschland Demonstrationen und Aufrufe gibt, die vor einem drohenden Krieg in Europa warnen, als herrsche heute noch Frieden, als wäre die Katastrophe, die wir vielleicht verhindern könnten, noch gar nicht da - dann fühle ich mich plötzlich fremd und missachtet in Europa. Dann bin ich gezwungen, immer wieder über die Tatsachen zu reden in der sich immer steigernden Absurdität der Ereignisse. Ja, es war gerade das moderne Europa, das zum wichtigsten Garanten der Werte und Freiheiten in der Ukraine geworden war. Missachtet Europa sich selbst?

          Noch vor einem Jahr dachte ich, dass hier in Europa ein Konsens darüber herrscht, was Totalitarismus ist und was Widerstand, was Menschenrechte sind und was Nationalismus, was ein politisches Subjekt ausmacht und was Freiheit und Demokratie. Ich habe mich getäuscht. Durch den „Fall Ukraine“ ist das ganze europäische Glossar von Wert und Wahrheit ins Wanken geraten, inklusive des einfachsten Verständnisses von Krieg und Frieden. Das Opfer wird für seine Schwäche beschuldigt, es wird oft über die schlechte Laune und den guten Appetit von Putin gesprochen, als wären dies Rechtfertigungen für sein Handeln. Als „Kriegsstifter“ werden jene stigmatisiert, die gegen den Krieg mit Wort und Tat kämpfen (auch Politiker und Osteuropa-Experten). Und die, die den Krieg leugnen, gelten nun als „Pazifisten“ par excellence. Auch nach einem Jahr werden die Gründe für den Aufstand auf dem Majdan als nationalistisch oder sogar faschistisch verleugnet, obwohl der Anteil der Rechtsextremen dort nicht höher war als im Publikum der Berliner Philharmonie. Die Wahlen belegen, dass es weniger Rechtsextreme in der Ukraine gibt als in den meisten EU-Staaten, und anders als in Ungarn oder Frankreich hat es nicht einmal eine einzige populistische Rechtspartei ins Parlament geschafft. Man wiederholt auch das immer wieder, dass sich in Russland ein echtes Führersystem geformt habe, samt Volksgemeinschaft, allmählicher Ausschaltung Andersdenkender. Guten Morgen, Europa! Aber es scheint, als wären solche Tatsachen vielen Menschen in Europa lästig. Sie halten lieber an ihren Vorurteilen fest. An falschen Worten und Vorstellungen. Ideologie wird plötzlich wichtiger als Analyse. Es ist einfacher, sich vor dem abstrakten Kalten Krieg zu fürchten, als den realen Krieg wahrzunehmen.

          Noch nie im Krieg gewesen

          In diesem Jahr habe ich begonnen zu verstehen, wie sich der Nationalsozialismus und das Stalin-System durchsetzen konnten, in kleinen, absurden Schritten, je unglaubwürdiger, desto hartnäckiger. Und immer bevor man die Veränderungen verinnerlichen konnte, machte der Wahnsinn schon den nächsten großen Schritt.

          Das Jahr 2014 hindurch habe ich in zwei Welten gelebt: auf Reisen in Deutschland, bei Lesungen, mit anregenden Gesprächen über Literatur und mit Hunderten neuen Gesichtern. Nachts öffnete ich meinen Laptop, und der Krieg sprang mich an. Ich trug ihn oft den ganzen Tag mit mir herum und konnte mich von Gesprächen und Bildern nicht abwenden, von den Gesichtern der Bergarbeiter, die trotz Drohungen der Separatisten nicht in den Krieg zogen, von den Menschen, die unter Beschuss zum Supermarkt gingen. Für mein Wohlbefinden schämte ich mich. Viele sind in Richtung Donezk aufgebrochen, Künstler, Journalisten, Aktivisten oder Reporter. Sie waren noch nie im Krieg gewesen. Ich war noch nie dort. Ich habe versucht zu agieren, da mit dem Wort, mit Repost, dort mit den Spenden, mit der Vermittlung von Kontakten, und manchmal eroberte mich das Gefühl der Vergeblichkeit. Vielleicht habe ich zu wenig getan.

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