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Der Fall Sürücü : Sie zahlt den Preis für unsere Freiheit

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Nach dem Urteil: Warten auf die beiden Freigesprochenen Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Es gibt in Deutschland Menschen, die nach Regeln jenseits des Individualstrafrechts leben - in einer archaischen Parallelwelt, in der es ein vom Familienverband losgelöstes „Ich“ nicht gibt. Anmerkungen zum Fall Sürücü von Necla Kelek.

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          Es ist von einem Fall geglückter Integration zu berichten. Der Mord an Hatun Sürücü konnte nur aufgeklärt werden, weil ein achtzehnjähriges türkisches Mädchen und dessen Mutter den Mut aufbrachten, nicht zu schweigen. Die Rede ist von Melek, der Zeugin der Anklage. Sie braucht seitdem Polizeischutz, muß unter fremdem Namen leben und konnte den Gerichtssaal nur mit schußsicherer Weste betreten. Melek hat mit ihrer Aussage die Ermittlung gegen die drei Brüder Sürücü ermöglicht und dem Mörder das Geständnis abgetrotzt. Melek hat persönliche und gesellschaftliche Verantwortung übernommen; ohne sie wäre der Mord unaufgeklärt geblieben.

          Wer bei Meleks mehr als zehnstündiger Befragung durch die Verteidiger dabei war und erlebt hat, wie diese mit sich wiederholenden Fragen versuchten, die Zeugin in Widersprüche zu verwickeln und unglaubwürdig zu machen, der konnte meinen, dabei sei es nicht um die Aufklärung einer Mordtat, sondern um die Verschleierung von Motiven gegangen. Die Verteidiger verfolgten eine Strategie, der das Gericht und die Staatsanwaltschaft nichts entgegenzusetzen hatten. Es wurde der unreife und reuige Einzeltäter präsentiert, die Tatbeteiligung der Brüder bestritten. Das einzige Risiko dieser Prozeßstrategie waren die Angeklagten selbst. Jede Antwort, jede Nachfrage hätte diese Strategie des Schweigens gefährdet. Deshalb wurde selbst das Geständnis Ayhan Sürücüs von seinem Verteidiger verlesen.

          Das Vorgehen war auf das genaueste abgestimmt

          Jeder Angeklagte hat das Recht auf einen Verteidiger. Aber ob es der von Anwälten hochgehaltenen „Standesehre“ entspricht, wenn sich Ayhans Verteidiger in der Verhandlung von seinem Mandanten umarmen läßt und schließlich das Urteil mit der Familie wie einen Sieg feierte, mögen die Juristen unter sich ausmachen. Wenn man die Anwälte im Gerichtssaal agieren sah, konnte man den Eindruck haben, sie verteidigten nicht Mordverdächtige, sondern sich selbst gegen eine absurde Unterstellung. Sie versuchten das Bild einer intakten Familie zu zeichnen, mit dem geständigen Mörder als schwarzem Schaf.

          Und es zeigte sich, daß das Vorgehen aller Familienangehörigen im Prozeß auf das genaueste abgestimmt war. Bis hin zur Nebenklage, die von der Schwester Arzu mit ihren Anwälten und einem „Berater“ vertreten wurde. Alle Familienangehörigen schwiegen im Prozeß - das ist ihr gutes Recht -, bis auf die, die Entlastendes vorbringen wollten, wie die Frau des Angeklagten Alpaslan, die ihrem Mann ein Alibi gab. Doch niemand aus der Familie rührte auch nur einen Finger für Hatun. So wie man jetzt, da der Prozeß zu Ende ist, zuweilen den Eindruck bekommen kann, nicht nur die Familie, sondern auch Teile der Öffentlichkeit atmeten auf, daß vermeintlich alles wieder seine Ordnung hat. Für die tote Hatun scheint es mancherorts weniger Mitgefühl zu geben als für ihre befreiten Brüder. Hatun, eine von fünfundvierzig in Deutschland hingerichteten Frauen und Männern, die in den letzten zehn Jahren im Namen der Ehre sterben mußten. Ihre Schwester Arzu bemerkte vor der Presse: „Meine Schwester ist im Paradies. Ihr geht es gut.“

          Muslimisch-archaische Parallelwelt ohne eigenständiges „Ich“

          Die Anwälte sagten, die Weltanschauung der Angeklagten stehe nicht vor Gericht, und versuchten mit diesem Argument zu verhindern, daß die Ursachen der Tat ans Licht kamen. Sie haben damit alles dafür getan, die Tat und den Tod einer jungen Frau zu verharmlosen. Sie machten ihren Job und sich gleichzeitig zu Anwälten der Scharia, ganz im Sinne des Imams von Izmir, der spöttisch über die rechtschaffenen Deutschen sagte: „Mit euren Gesetzen werden wir euch besiegen.“

          Diese Strategie der Verteidigung entsprach dem Ansatz des Gerichts, das keinen Präzedenzfall schaffen wollte, sondern voraussetzte, daß selbstverantwortliches Handeln des einzelnen grundsätzlich außer Frage stehe. Aber damit war in diesem Fall der Sache nur unzureichend beizukommen. Es gibt auch in unserer Gesellschaft, mitten in Deutschland, Menschen, die nach anderen Regeln leben, als es das Individualstrafrecht vorsieht. Sie leben in einer muslimisch-archaischen Parallelwelt, in der es ein vom Familienverband losgelöstes „Ich“ gar nicht gibt.

          Der Sohn ist dem Vater, dem älteren Bruder, dem Onkel sowie Gott gegenüber zu „Respekt“, sprich Gehorsam, verpflichtet. Die Männer sind für „namus“, für die Ehre der Töchter und Schwestern verantwortlich, sie kontrollieren die Frauen im Namen der Familie. Diesem Islam fehlt das Konzept der entscheidungsfähigen, moralisch verantwortlichen Person vollkommen. Und nach dieser Lesart des Korans ist die Tat nicht verwerflich, denn so wie Hatun lebte, verstieß sie gegen den Koran und die Tradition. Die Sure 24 „Das Licht“, Vers 2, lautet: „Wenn eine Frau und ein Mann Unzucht begehen, dann verabreicht jedem von ihnen hundert (Peitschen-)Hiebe! Und laßt euch im Hinblick darauf, daß es (bei der Scharia) um die Religion Gottes geht, nicht von Mitleid mit ihnen erfassen, wenn ihr an Gott und den jüngsten Tag glaubt!“

          Zeigt sich hier vielleicht die Legitimation der Tat?

          Und so hätte das Gericht, wenn es sich genauer mit der Tat und den Motiven beschäftigt hätte, durchaus mit den Mitteln der Strafprozeßordnung zu weiteren Erkenntnissen kommen können, als nur den reinen Tathergang zu rekonstruieren. Vielleicht hätte es mit Hilfe von Sachverständigen die Strukturen, das Welt- und Menschenbild solcher Communities aufzeigen sollen und der Sozialisation der Angeklagten nachgehen müssen, um die Tat verstehen zu können. Ayhan gestand, daß er hoffte, den Sohn Hatuns vor dem schlechten Einfluß seiner Mutter bewahren zu können. Er wollte den Sohn in die Familie zurückholen, damit er muslimisch erzogen werden könne. Dieser Bemerkung wurde im allgemeinen Entsetzen über den Hergang der Tat keine besondere Bedeutung beigemessen. Woher stammt dieses Weltbild von „rein“ und „unrein“ bei einem Jungen, der in Berlin aufgewachsen ist?

          Jetzt meint die ältere Schwester Arzu, das „sahib cikmak“, Besitzansprüche auf das Kind geltend machen zu können. Zeigt sich in dieser Bemerkung neben der vermeintlichen „Ehre der Familie“ vielleicht ein Motiv oder die Legitimation der Tat? Kinder aus einer geschiedenen Ehe gehören in dieser religiös-archaischen Welt immer dem Mann beziehungsweise seiner Familie. Spätestens mit dem siebten Lebensjahr - nämlich dann, wenn die religiöse Erziehung beginnt - soll der Sohn in der Familie des Vaters sein. Da es sich bei dem Vater von Hatuns Sohn um einen Cousin handelt, in diesem Fall also der Familie Sürücü.

          Sollte Hatuns Sohn vor dem Unglauben bewahrt werden?

          „Wenn der Sohn mit fünfzehn immer noch kein Muslim ist, trägt der Vater die Schuld“, sagte mir ein Hodscha, als ich ihn zu den Erziehungsaufgaben eines Vaters befragte. Hatun hatte, weil kein muslimischer Mann sie beaufsichtigte, in dieser Welt kein Recht auf das Kind. Und aus diesem Umstand wird vielleicht auch der Zeitpunkt der Tat erklärbar. Hatun lebte bereits einige Jahre allein mit ihrem Sohn. Ihre Familie hatte sie verstoßen, und für Alpaslan war sie bereits „gestorben“. Da war der kleine Sohn namens Can, was „die Seele“ oder „Leben“ bedeutet, aber noch kein religiöses Subjekt. Erst mit zunehmendem Alter wurde die Frage, ob er muslimisch erzogen wird, für die Gläubigen in der Familie drängender. Mußte Hatun vielleicht nicht nur sterben, weil sie „wie eine Deutsche“ lebte, sondern auch, weil sie einen Sohn hatte, der davor bewahrt werden sollte, ein Ungläubiger zu werden?

          Ritualmorde folgen einem bestimmten Prinzip. Je jünger ein Mitglied der Familie ist, desto weniger „saygi“, „Achtung“ steht ihm zu und desto unangenehmer sind die Aufgaben, die er verrichten muß. Besonders dort, wo die Gefahr besteht, daß der Staat archaisches Verhalten sanktioniert, wird immer der jüngste Sohn „geopfert“ und ein älterer, „wertvollerer“ verschont.

          So gibt der Täter der Familie ihr Gesicht zurück

          Nachdem Ayhan seine Schwester aufgefordert hatte, um Vergebung für ihre Sünden zu bitten, schoß er ihr „alnindan vurmak“, von Angesicht zu Angesicht in die Stirn. Dieses Vorgehen kommt bei fast allen sogenannten „Ehrenmorden“ zur Anwendung, denn damit gibt der Täter der „yüzsüz aile“, „der gesichtslosen Familie“, „das Gesicht“ zurück. Aber solche Zusammenhänge wurden vom Gericht nicht hinterfragt.

          Unser Strafrecht kennt weder Rache noch Vergeltung, es kennt zum Glück auch keine Sippenhaft. Ayhan wurde wegen Mordes zu neun Jahren und drei Monaten Jugendstrafe verurteilt, seine Brüder Alpaslan und Mutlu mangels Beweisen freigesprochen. Für seine Kumpels auf Neuköllns Straßen und im Gefängnis ist Ayhan wohl ein „yigit“, ein Held. Im Prozeß trug er die goldene Uhr, die ihm sein Vater kurz nach der Tat vermachte. Melek wird sich ein Leben lang verstecken müssen. Sie zahlt den Preis für unsere Freiheit.

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