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Der Fall Litwinenko : Am Ende siegt die Demagogie

  • -Aktualisiert am

Kopie von Litwinenkos Anschuldigungsschreiben gegen Präsident Putin Bild: dpa

In Rußland gleicht ein Dissident derzeit einem Straßenbahnpassagier, der bei voller Fahrt seinen Kopf aus dem Fenster streckt. Die Gesellschaft schaut weg, die Machthaber tun unschuldig. Der Autor Viktor Jerofejew über den Fall „Litwinenko“.

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          Vor einigen Monaten bekam ich das im Ausland erschienene Buch von Alexander Litwinenko, „Der FSB sprengt Rußland in die Luft“, in die Hände, das dem derzeitigen Regime in Rußland ein vernichtendes Urteil ausstellt. Nachdem ich es gelesen hatte, überkam mich zum ersten Mal nach vielen Jahren wieder ein Gefühl, das ich durch die Bücher Solschenizyns kennengelernt hatte. Wenn das stimmt, dachte ich, so ist es schrecklich, in diesem Land zu leben, grauenhaft, unerträglich.

          Wenn es aber nicht stimmt, warum hat er es dann erfunden? Solschenizyn wurde aus der Sowjetunion ausgebürgert, eine humane Strafe, muß man wirklich sagen. Litwinenko ist selbst über die Türkei nach London geflohen, als er mit all diesen Informationen und dem Buch schwanger ging. Er wußte, warum er auf der Flucht war. Der Vergleich von Solschenizyn mit einem vergifteten Agenten der Geheimpolizei ist nur insofern gerechtfertigt, als im heutigen Rußland Worte zu Taten werden. Wenn jemand etwas gesagt hat, hat er auch etwas getan, und wenn er es getan hat, muß er für das Getane geradestehen. Das gleiche passierte der Journalistin Anna Politkowskaja, die Anfang Oktober umgebracht wurde.

          Am Ende siegt die Demagogie

          Die Machthaber leugnen jede Verbindung zu diesen Mordwellen und verschanzen sich hinter der Behauptung, diese Morde würden sie mehr kompromittieren als die dissidentischen Taten der Ermordeten. Eine eiserne Formel. Die Geschichte wird natürlich irgendwann ihr Urteil fällen. Entweder haben die Machthaber mit diesen Tragödien schlicht und einfach Pech gehabt, oder die Tragödien werden von den Feinden der russischen Machthaber im Ausland inszeniert, aus Gemeinheit, um sie endgültig zu kompromittieren, - oder - und dieses letzte „oder“ erscheint mir am wahrscheinlichsten: In der derzeitigen Situation im Land gleicht ein Dissident einem Straßenbahnpassagier, der bei voller Fahrt seinen Kopf aus dem Fenster streckt. Das reicht schon, um umzukommen. Die Gesellschaft hat einen solchen Zustand angenommen, daß jeder sichtbare Dissident für die eine oder andere Gruppe zum Problem wird, und das reicht für einen Skandal. Die Machthaber aber wollen unschuldig aussehen. Gut. Aber die ethnischen Säuberungen der jüngsten Zeit, der in Rußland lebende Georgier ausgesetzt waren - eine wahre Schande - wurden ganz offen von Leuten des Machtapparats veranstaltet.

          Unser Hauptübel ist das Fehlen einer Zivilgesellschaft. In einem Land, dessen Bevölkerung bis heute in politischer Unreife verharrt, siegt am Ende die Demagogie. Und die Machthaber erlangen das, was sie niemals erlangen dürften - Straflosigkeit. Wenn die Machthaber immer straflos ausgehen, welche Bedeutung hat es dann noch, wer aus welchen Gründen wieder einmal einen Oppositionellen umgebracht hat?

          Der Schriftsteller Viktor Jerofejew, Jahrgang 1947, veröffentlichte zuletzt „Der gute Stalin“ und den Erzählungsband „De profundis“.

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