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Karen Krüger (kkr)

Italiens Philosophen : Der Fall Agamben

  • -Aktualisiert am

Vom weltweit angesehenen Philosophen zum Verschwörungstheoretiker: Das Arbeitszimmer von Giorgio Agamben Bild: Istituto Italiano di Cultura

Schräge Vergleiche, krude Corona-Thesen und ein neuer Thinktank, der den Ausnahmezustand abwenden will: Was ist bloß in Italiens Philosophen gefahren?

          2 Min.

          Vielen Italienern werden ihre Philosophen zunehmend unangenehm. Besonders der 79-jährige Giorgio Agamben. Der weltbekannte Denker hat mittlerweile ein Ausmaß der Leugnung und Rechthaberei erreicht, dass die Philosophin Donatella Di Cesare kürzlich im „L’Espresso“ schrieb, Agambens Wandel sei eine geradezu traumatische Erfahrung und verlange, die Kategorien, Konzepte und Begriffe des Philosophen zu überdenken. Einige, etwa der „Ausnahmezustand“, seien mittlerweile „grotesk“. „Und es wird notwendig sein, Agamben vor Agamben zu retten, das Erbe seines Denkens vor diesem Abdriften.“

          Tatsächlich macht Agamben sich immer unmöglicher. In seinem Blog „Una voce“ postete er am 26. Februar 2020 einen Beitrag mit dem Titel „Die Erfindung einer Pandemie“. Agamben hat das nie korrigiert, er wurde lauter und schriller und verstieg sich zu Analogien zwischen dem staatlichen Vorgehen und den Repressionen der Nazis gegen Juden. Er fand Mitläufer in der Philosophie und Tausende Anhänger, die ihn als Anführer der Revolte gegen das viel beschworene Monster des Einheitsdenkens sehen – wahrscheinlich ohne jemals eine Zeile seines Werks gelesen zu haben.

          Impfstoff als politisch-religiöses Symbol

          Zusammen mit dem Philosophen und Ex-Bürgermeister von Venedig, Massimo Cacciari, veröffentlichte Agamben auf der Internetseite des Italienischen Instituts für Philosophische Studien einen orakelhaften Artikel, der unter anderem davor warnte, der Impfstoff werde zu einer Art politisch-religiösem Symbol. Man dachte, der Tiefpunkt sei damit erreicht, bis das Duo mit anderen im Dezember den Thinktank „Kommission Zweifel und Vorsorge“ gründete. Worin der Zweifel besteht, ist klar; was mit „Vorsorge“ gemeint ist, ließ man offen – der „Widerstand gegen Hitler“ sei ja auch nicht auf Kongressen organisiert worden, raunte Agamben beim Gründungstreffen. Die Impfgegnerbewegung sah darin den Auftakt zum Sturz der „neuen planetarischen Ordnung“, bis Cacciari vor wenigen Tagen plötzlich verkündete, geboostert worden zu sein. Er rief dazu auf, sich impfen zu lassen, denn „das sind die Gesetze, und solange man nicht die Kraft hat, sie zu ändern, muss man sie respektieren“.

          Für die Impfgegner ist Cacciari nun ein Verräter. Dass Impfstoffe nichts nützen, hatte er zwar nie gesagt, sondern nur, dass sie nicht vor Ansteckung schützen. Doch wichtiger als das, was man sagt, ist eben, wie man etwas sagt – und vor allem, mit wem man sich verbündet.

          Was nun aus dem Thinktank wird? Er wird wohl in der Bedeutungslosigkeit verschwinden. Als weiteres trauriges Kapitel des „Fall Agamben“, der vor allem die langjährigen Leser des Philosophen ratlos macht.

          Karen Krüger
          Redakteurin im Feuilleton.

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