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Homosexualität und Dichtung : Stefan George wird ausgeleuchtet

  • -Aktualisiert am

Stefan George: Dichter aus Büdesheim bei Bingen Bild: akg-images

Der eine wird geehrt – des anderen Gedenken wird wegen eines Skandals gänzlich in Frage gestellt. Was verbindet den Sexualforscher Magnus Hirschfeld mit seinem dichtenden Zeitgenossen? Ein Gastbeitrag.

          4 Min.

          Am 14. Mai 2018 feierte Berlin den 150. Geburtstag von Magnus Hirschfeld im Haus der Kulturen der Welt am Ufer der Spree, an dem Ort, an dem das von ihm 1919 gegründete Institut für Sexualwissenschaft gestanden hatte. Ein Festakt der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld, eröffnet von der Bundesjustizministerin, mit neunhundert Gästen, darunter der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Vertreter der christlichen Kirchen, Abgeordnete, Angehörige der Familie Hirschfeld aus den Vereinigten Staaten und zahlreiche Mitglieder der „LSBTTIQ-Community“. Das Bundesfinanzministerium gab aus diesem Anlass eine Sonderbriefmarke heraus.

          Deutschland ehrte spät, sehr spät einen der Mitbegründer einer ganzen Disziplin, der Sexualwissenschaft. Dagmar Herzog, die Vertreterin dieses Fachs in New York, erinnerte in ihrem Festvortrag an das Erbe, das Hirschfeld vor allem Deutschland hinterlassen hatte, welches Land ihn, den Juden, ins Exil getrieben, seine Bücher verbrannt und sein Institut, einzigartig auf der Welt, in tausend Stücke zerschlagen hatte. Es ist das Erbe der Aufklärung im doppelten Sinn: die Erkenntnis der menschlichen Sexualität wie das Anerkennen ihrer Formen, ihrer ganzen inneren wie äußeren Vielfalt und Abweichungen von Normen, erst recht der Homosexualität.

          Als das Fest an der Spree stieg, fiel ein anderes ins Wasser des Rheins: Der Oberbürgermeister von Bingen sagte den geplanten Festakt zum 150. Geburtstag von Stefan George ab, mit dem die Stadt ihren großen Sohn ehren wollte, der ein eigenes Museum in seiner Heimatstadt hat, nach dem eine Straße und ein Gymnasium benannt ist. Am Tag nämlich vor dem Geburtstag Hirschfelds waren in dieser Zeitung Vorwürfe laut geworden, dass Wolfgang Frommel, der Leiter des Castrum Peregrini, eines Kreises, der sich George, wie soll man sagen, nahe, verpflichtet fühlt, Jungen – und ein Mädchen – missbraucht habe (F.A.S. vom 13. Mai). Thomas Karlauf, dem wir die bedeutende George-Biographie von 2007 verdanken, bekräftigte diese Vorwürfe zwei Monate später an Georges Geburtstag in der „Zeit“ aus eigenem Erleben. Er hatte zehn Jahre im selben Haus in der Herengracht gewohnt. Der Oberbürgermeister der Stadt Bingen sagte den Festakt ab, solange „die im Raum stehenden Vorwürfe nicht wissenschaftlich geklärt“ seien.

          Magnus Hirschfeld war ein deutscher Mediziner (Arzt und Sexualforscher)

          Unerwünschte Anerkennung

          An diesem Punkt, da wissenschaftliche Klärung gefragt ist, lassen sich die rauschende Geburtstagsfeier und der abgesagte Festakt zusammensehen. Eine versäumte Begegnung und hernach versäumte Chance von Einsicht, Einhalten, Fragen. Denn Stefan George und Magnus Hirschfeld sind Zeitgenossen, im gleichen Jahr 1868 geboren, im Abstand von zwei Jahren gestorben, George 1933 in der Schweiz, Hirschfeld anderthalb Jahre später im Exil in Nizza. Aber nach allem, was wir wissen, sind beide einander nie begegnet. Der Kontrast zwischen beiden könnte nicht größer sein: Hier der Dichter der Wenigen, des erlesenen Kreises der Schüler, des Meisters, des Entrückten, Sublimen, Geheimen, dort der Arzt und Forscher, der politisch, sozial Engagierte. Hirschfeld behandelte in seinem Institut zahllose Leiden, die nach dem Ersten Weltkrieg massenhaft auftraten, Impotenz, Verstümmelte, Traumatisierte, Gebrochene, Opfer missratener Abtreibungen, Geschlechtskrankheiten, er erforschte die Prostitution – und deren Literatur. Das Einzige, was die beiden Jubilare verband, war ihre Homosexualität. Aber genau die trennte sie voneinander. Freud hätte es den Narzissmus der kleinen Differenz genannt, der bekanntlich immer groß ausfällt.

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