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Der Fall Dieter Wedel : Nicht vergessen

Er äußert sich im Augenblick nicht: Dieter Wedel Bild: dpa

Wenn stimmt, was dem Regisseur Dieter Wedel an sexuellen Übergriffen vorgeworfen wird, stellt sich die Frage: Warum erhob niemand die Stimme? Besteht Hoffnung, dass, was mutmaßlich geschah, Vergangenheit ist?

          Es ist entsetzlich, erschreckend und empörend, was die „Zeit“ am Donnerstag berichtet hat, über Dieter Wedel, den einst so mächtigen Regisseur und Produzenten, und über die Frauen, die jetzt aussagen, dass sie von Wedel nicht nur gedemütigt und genötigt, sondern misshandelt, schwer verletzt und vergewaltigt worden seien. Und besonders empörend ist der Umstand, dass da nicht jemand, nach mehr als dreißig Jahren, eine alte Geschichte aus den womöglich verblassten Erinnerungen hervorholt. Nein, die Schauspielerin Esther Gemsch, die damals Esther Christinat hieß, kann beweisen, dass sie damals, 1980 und 1981 gesprochen hat. Es gibt ein Attest des Orthopäden, und in einem Revisionsbericht des Saarländischen Rundfunks, so zeigt es ein Ausriss in der „Zeit“, steht der Satz: „Nach Auskunft von Frau Christinat (bzw. ihres Anwalts) handelt es sich bei ihrer Verletzung um die Folge einer gewaltsamen sexuellen Annäherung durch Herrn Dr. Wedel.“ Nur wollte, was Herrn Dr. Wedel angeht, es damals keiner genauer wissen. Und die Schauspielerin wurde eingeschüchtert; kaum jemand hörte ihr zu.

          Claudius Seidl

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Weil auch in diesem Fall die Unschuldsvermutung gilt, gibt es zwei Varianten, diese Geschichten zu lesen: Entweder stimmen sie. Oder es haben sich sehr viele Menschen, darunter der bekannte Schauspieler Michael Mendl und der Münchner Filmproduzent Eric Moss, gegen Dieter Wedel verschworen.

          Wenn die Geschichten aber stimmen, dann fragt sich, was daraus folgt. Vom Fall des Harvey Weinstein, der zum Zeitpunkt, da die ersten Vorwürfe veröffentlicht wurden, einer der mächtigsten Männer in der amerikanischen Filmindustrie war, unterscheidet sich der Fall Dieter Wedel auch dadurch, dass Wedel ein Mann der Vergangenheit ist, alt und anscheinend krank, längst nicht mehr mächtig; ein Mann, vor dem man sich nicht fürchten muss.

          Große Quoten und gewaltige Aufmerksamkeit

          Was beide Fälle verbindet, sind die Verquickung von Sex und Macht, die fast schon despotischen Herrschaftsformen im Filmgeschäft, die Angst, das Eingeschüchtertsein, das Schweigen derer, die das alles mitbekamen. Und die Feigheit jener, die sich dagegen hätten wehren können. Dieter Wedel, dessen Drehbücher ihre besten Momente besseren Filmen verdanken, bei denen er sich ziemlich dreist bedient hat, und dessen Inszenierungen heute die Frage aufwerfen, was das Publikum damals an diesen vulgären, breitbeinigen und absolut unsubtilen Szenen fand, Dieter Wedel war in seiner großen Zeit ein Mann der großen Quoten und der gewaltigen Aufmerksamkeit; manchen galt er als Genie. Jetzt verspricht der Saarländische Rundfunk, dass er seine eigene Rolle aufklären wolle.

          Bleibt die Frage, ob die bösen Geschichten uns etwas über heutige Zustände verraten können. Wovon die „Zeit“ berichtet, liegt zwanzig, dreißig und mehr Jahre zurück – wie sich die Bewertung solcher Figuren seither verändert hat, lässt sich ganz gut an unserer Arbeit, an journalistischen Artikeln und Porträts illustrieren. Im Herbst 1995 brachte der „Spiegel“ ein Porträt Dieter Wedels, in welchem dessen Arbeitsweise praktisch als Abfolge von Tobsuchtsanfällen geschildert wurde; damals wurde das allgemein als Ausdrucksform des Genialischen hingenommen. Und im Winter 1996, ebenfalls im „Spiegel“, in einem Porträt der Schauspielerin Jennifer Nitsch, fand sich über Wedel der folgende Satz: er stehe im Ruf, „seinen Hauptdarstellerinnen und natürlich allen seinen Nebendarstellerinnen nachzustellen“. Heute würde der Autor diesen Satz so nicht mehr hinschreiben, das Publikum würde ihn nicht mehr hinnehmen, ja schon das Wörtchen „nachstellen“ würde heute die Frage aufwerfen, was damit gemeint sei. Und was wohl jene dazu sagen, denen nachgestellt werde. Ob sie das wollen oder lieber nicht.

          Hat sich also mit der Sprache auch das geändert, was sie beschreibt? Und versteckt sich in diesen hässlichen Geschichten womöglich die Hoffnung, dass das, wovon sie handeln, vorüber sei, nicht vergessen; aber immerhin vergangen?

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