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Ethikrat zu Erbgut-Eingriffen : Mit Spirit ins Genzeitalter

Eizelle in der Petrischale: Wer bestimmt künftig, in welchen Fällen das Genom innerhalb der Eizelle verändert werden kann? Bild: dpa

Der Deutsche Ethikrat hat Vorbehalte gegen Designer-Babys und dennoch das Tor für Keimbahn-Eingriffe weit geöffnet. In seiner Stellungnahme erklärt er, warum das Land sich dafür auch der Forschung an Embryonen öffnen sollte.

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          Zu sagen, der Deutsche Ethikrat habe mit glühender Begeisterung das Tor geöffnet, hinter dem „die Menschheit grundsätzlich die Möglichkeit erhält, ihre eigenen biologischen Bedingungen zu ändern“, würde den Beteiligten im Traum nicht einfallen. Wie wollte der Rat dies auch rechtfertigen vor denen, in deren Auftrag er seine Stellungnahme „Eingriffe in die menschliche Keimbahn“ formuliert hat? Einige jedenfalls in der Regierung und im Bundestag, von der Deutschen Bischofskonferenz zu schweigen, haben sich Donnerstagnachmittag die Augen gerieben.

          René Röspel etwa, ein in biopolitischen Debatten vielfach sensibilisierter Sozialdemokrat, bezeichnete es als „erstaunlich“, wie der Ethikrat Eingriffe in die menschliche Keimbahn unter bestimmten Bedingungen für zulässig hält und die technische Machbarkeit als zu erfüllende Voraussetzung sieht, wie er am Ende aber „die zentralen Fragen“, nämlich „wer mit welchem Recht und nach welchen Maßstäben das Genom beziehungsweise die Eigenschaften eines noch nicht geborenen Menschen verändern darf, im Wesentlichen unbeantwortet“ lasse.

          Was so natürlich nicht stimmt: Das prinzipielle Recht auf Geneingriffe in Keimzellen oder Embryonen hat dieser Ethikrat nämlich im Gegenteil in einer noch nie so ausführlich dargelegten Schrift mit Verve in Anschlag gebracht. Da ist wirklich Drive drin, man könnte sagen: Der philosophische Spirit des neuen biotechnischen Zeitalters ist hier in einer Weise abgebildet, wie ihn auch der Ethikrat-Schöpfer, der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder, von „seinem“ Zukunftsrat Anfang der Zweitausenderjahre kaum für möglich gehalten hatte.

          Stoppsignale aus dem Weg geräumt

          Nein, dass mit dermaßen großem Schwung das (fast möchte man sagen: uralte) ethische Stoppsignal aus dem Weg geräumt wird, war seinerzeit – und lange danach – kaum abzusehen. Nur noch Reste davon verstecken sich nun hinter der Formel, die besagt, dass der Keimbahneingriff „zum gegenwärtigen Zeitpunkt ethisch höchst unverantwortlich“ sei, weil wissenschaftlich die Sicherheit und medizinisch die Wirksamkeit der Geneingriffe noch nicht nachgewiesen sind. Damit dockte der Rat an die Haltung der Wissenschaftsakademien an.

          Für progressive Überlegungen dieser Art gab es in Berlin und den Bistümern lange eine biopolitische Schublade, in der alles verschwand, was auch nur entfernt das deutsche Forschungsverbot an Embryonen (Embryonenschutzgesetz) antasten oder an den weitverbreiteten moralischen Vorbehalten gegen „Designer-Babys“ kratzen sollte.

          Peter Dabrock, Chef des Deutschen Ethikrates, vertritt eine deutlich liberalere Haltung als sein Vorgänger.

          An diesen Schubladen hat sich der Ethikrat mit seiner Stellungnahme nun nachhaltig zu schaffen gemacht. Embryonenforschung zur Abklärung der Risiken von Keimbahneingriffen halte der Rat nicht nur für zulässig, sondern sogar für geboten: „Die Weiterentwicklung der Technik durch Grundlagenforschung ohne Rückgriff auf menschliche Embryonen in virtro ist zu fördern“ – freilich: „überzählige“ Embryonen sind gemeint, die bei künstlichen Befruchtungen anfallen und nicht mehr ausgetragen werden.

          Wer will, kann in dem Papier also sehr wohl die Handschrift des Schröderschen „Nationalen Ethikrats“ erkennen. Klar ist aber auch: Die liberale, ja ausgesprochen pragmatische Haltung hat sich der Ethikrat in Embryonenfragen so richtig erst mit seinem aktuellen Vorsitzenden, dem evangelischen Theologen Peter Dabrock aus Erlangen-Nürnberg, zu eigen gemacht. Was den christlichen Blockierern ebenso wie den biopolitischen Moralisten die Zornesröte ins Gesicht treibt, beschert den Forschern eine selten erlebte Wärme ums Herz.

          Die Gen-Schere Crispr/Cas gab den Anstoß

          Dabrock hält „pure Moralkommunikation“ und „reine Technikfolgenabschätzung“ für grundsätzlich unzureichend. Erst recht dann, wenn es um Menschheitsfragen geht. „Ethische Reflexion“, dafür stehe der Ethikrat. Was damit gemeint ist, erläuterte die Sprecherin der zuständigen Arbeitsgruppe, die Münchner Ethikerin Alena Buyx, die auch in einer entsprechenden Arbeitsgruppe der Weltgesundheitsorganisation arbeitet.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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