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Ethikrat zu Erbgut-Eingriffen : Mit Spirit ins Genzeitalter

Dreißig Mal in fünfzehn Monaten hat man im Ethikrat getagt. Herausgekommen ist ein angesichts der unterschiedlichen Weltanschauungen und ethischen Positionen durchaus zu erwartender Diskurs, der von Konflikten und Konsens geprägt, der am Ende freilich von der Ethikerin den Titel „Kontroverse in konstruktiver Form“ erhalten hat. Nicht zu übersehen, dass hier ein Erfolg vermeldet werden sollte – ein Fortschritt in der ethischen Keimbahn-Debatte, wie er wahrscheinlich nirgendwo sonst auf der Welt so schnell erzielt wurde.

In der neuen Stellungnahme geht es um gentechnische Verfahren, die es erlauben, das Erbgut von Nachkommen gezielt zu verändern.

Das liegt auch daran, dass der Ethikrat an seiner Stellungnahme bereits einige Monate gearbeitet hatte, als am 26. November des Vorjahres der chinesische Genforscher He Jiankui aus Shenzhen via Youtube-Video die angebliche Geburt der ersten, mittels gentechnischer Keimbahnintervention erzeugten „Crispr-Babys“ bekanntgab. Crispr/Cas ist die dabei angewandte Methode des Genom-Editierens, die es seit einigen wenigen Jahren möglich macht, gezielte Eingriffe ins Erbgut mit einer lange nicht für möglich gehaltenen Präzision und beeindruckend schnell und preiswert vorzunehmen.

Ein Ende der kategorischen Unantastbarkeit

„Es gibt den Menschen nun als GVO“ – als gentechnisch veränderten Organismus, so beschreibt Dabrock den Dammbruch, der freilich wissenschaftlich noch immer nicht verifiziert ist, an dessen Realisierung allerdings auch keiner ernsthaft zweifelt. Im britischen Wissenschaftsmagazin „Nature“ haben in dieser Woche Bioethiker und Forscher der chinesischen Nationalakademie jedenfalls klargestellt, dass die moralischen Verstöße und der „Rechtsbruch“ nicht nur persönliche Konsequenzen für Genforscher He haben würde, sondern auch für das chinesische Wissenschaftssystem insgesamt.

Unfreiwillig wurde deutlich, wieso die Aufregung um das Menschenexperiment Hes überall auf der Welt förmlich hochgekocht ist: Keimbahneingriffe sind – bei allen medizinischen Risiken – nicht nur technisch machbar, sie werden offenbar auch von einer breiten Fachschaft gestützt, jedenfalls in der chinesischen. „In mindestens neun Lehrbüchern über Medizinethik, die durch Mainstream-Experten allein zwischen 2010 und 2015 publiziert wurden, wird behauptet, dass Menschen mit Behinderung minderwertig seien“, berichten die chinesischen Bioethiker, und dass so schwer kranken Menschen besser keine Nachkommen erlaubt werden sollten.

Solche Berichte machen deutlich, wieso Berufsethiker wie Buyx und Dabrock nicht mehr nur an einer „globalen zivilgesellschaftlichen Debatte“ interessiert sind, wie man bei der Präsentation der Stellungnahme gleichwohl betonte. Man will vielmehr möglichst schnell zu Potte kommen. Die „erwartbaren Manipulationen an der biologischen Hardware des Menschen“, sagte Dabrock, könne man jetzt nicht mehr allein der Wissenschaftsgemeinde überlassen, man müsse „selbst agieren“. Gewollt, getan. Das Ergebnis ist eine auf 230 Seiten ausbuchstabierte „praktische Handreichung“, deren zentrales Ergebnis – nach Buyx die Innovation des Rats – ein ethisches Flussdiagramm ist: ein „Entscheidungsbaum“, mit dem abzuklären wäre, wann und wann nicht ein Keimbahneingriff im Einzelfall möglich sein soll.

Früher hätte jeder einzelne der sieben „ethischen Orientierungsmaßstäbe“ – Menschenwürde, Lebens- und Integritätsschutz, Freiheit, Natürlichkeit, Schädigungsvermeidung und Wohltätigkeit, Gerechtigkeit, Solidarität und Verantwortung – ausgereicht, Keimbahneingriffe (auch den an möglicherweise todbringenden Genen) grundsätzlich zu verhindern. Aber das war gestern. Mit der neuen Ethikrat-Stellungnahme steht die Genmedizin heute unter einem anderen Stern: Eine kategorische Unantastbarkeit der menschlichen Keimbahn gibt es nicht mehr.

Joachim Müller-Jung

Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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