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Spekulieren an der Börse : Der große Ausverkauf

Schmerz lass nach: Der Blick auf die Kurse ist derzeit kein Vergnügen Bild: dpa

Per App in den Ruin: Die Generation Z erlebt ihren ersten Crash an der Börse. Das schnelle Zocken am Smartphone wird jetzt für viele zum Verhängnis. Und selbst Investment-Profis haben sich geirrt.

          5 Min.

          In den vergangenen düsteren Börsenmonaten lautete ein populärer Ratschlag im Reddit-Forum Wallstreetbets, dem Zockerreich junger Kleinanleger: Buy the dip! Ende Januar, als Experten die Inflation noch als ungefährlich abtaten und nur wenige an einen russischen Angriff auf die Ukraine glaubten, schien das eine renditeversprechende Idee zu sein. Die Kurse vieler Tech-Titel hatten erheblich an Wert eingebüßt, einige lagen mehr als achtzig Prozent unter ihren Höchstständen. Außerdem nannten erfolgreiche Fondsmanager wie Jan Beckers von Bit Capital die Börsenturbulenzen eine „klare Marktübertreibung“ und fügten hinzu, dass man jetzt so günstig einkaufen könne wie nie zuvor. Doch dann marschierten russische Truppen in die Ukraine ein, die Energiekosten stiegen massiv, die Inflation ebenso, und die amerikanische Notenbank Fed reagierte mit der höchsten Zinsanhebung seit mehr als zwanzig Jahren. Das Motto „buy the dip“ galt für risikoaffine Anleger, sofern sie überhaupt noch Geld hatten, fortan jeden Tag, weil die Kurse – unterbrochen von kurzen Erholungsphasen – fielen und fielen. Und es sieht im Moment nicht danach aus, als würde sich an der Situation demnächst etwas Grundlegendes ändern.

          Die Party ist vorüber

          Melanie Mühl
          Redakteurin im Feuilleton.

          Ein Bärenmarkt ist für alle Anleger, die Verluste machen, bitter. Besonders bitter aber ist der derzeitige Ausverkauf für die von steigenden Aktienkursen verwöhnte Generation Z, die noch keinen Börsencrash erlebt hat und beim Blick in die Trading-App meist nur eine Farbe sah: Grün. Ein Grün, das nicht selten für exorbitante Gewinne stand, die bei vielen Tradern den naiven Glauben genährt haben dürften, die Party gehe ewig so weiter. Psychologisch bergen über einen längeren Zeitraum anhaltende Erfolge an der Börse allerdings eine große Gefahr: Sie stimulieren die Selbstüberschätzung. Die Wissenschaft spricht von „Overconfidence Bias“, einer kognitiven Verzerrung, bei der Informationen, die vom bisherigen Erleben abweichen, unterschätzt oder ignoriert werden. Ein Beispiel: Die amerikanischen Geheimdienste hatten die NATO-Alliierten eindringlich vor einem russischen Angriff auf die Ukraine gewarnt, worüber in den Medien Anfang Februar berichtet wurde. Doch welcher Kleinanleger ließ sich von dem drohenden Krieg wirklich aufschrecken? Und reagierten professionelle Investoren wie beispielsweise Jan Beckers?

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