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Der Einfluss der Salafisten : Demokratie ist das Gegenteil von Islam

  • -Aktualisiert am

Salafisten fälschen den Islam: Wir sollten es uns nicht zu einfach machen und glauben, dass der Initiator der Aktion ein Einzelgänger sei Bild: dpa

Das Weltbild der Salafisten ist steinalt - älter als die Fußgängerzonen, in denen sie den Koran verteilen. Dort machen sie es sich leicht: Ihr politisches Programm ist die Zuspitzung auf Himmel und Hölle.

          Im Januar dieses Jahres war ich in Tunis, um mit Frauen über ihre Lage nach der Revolution zu sprechen. Der große Aufreger vor Ort war die Besetzung der Manouba-Universität durch Salafisten. Auf dem außerhalb der Stadt gelegenen, von Orangenplantagen gesäumten Campus der sprachwissenschaftlichen Fakultät werden etwa achttausend junge Leute zu Sprachlehrern ausgebildet. Auf dem Weg dahin trafen wir einige Kopftuch und Niqab tragende Studentinnen, die seit sechs Wochen nicht studieren konnten, weil der Lehrbetrieb wegen der Besetzung eingestellt war. Sie sympathisierten mit den Besetzern, fürchteten aber, dass ihnen das Studienjahr nicht anerkannt wird.

          Der Rektor war von den Demonstranten in seinem Büro eingeschlossen worden. Da ihm niemand geholfen hatte, stoppte er im November kurzerhand den Lehrbetrieb. Ich erwartete eine große Gruppe von Besetzern. Aber als wir am 5. Januar auf den Campus kamen, waren weder Studenten noch Demonstranten oder auch nur ein Polizist zu sehen. Die jungen Frauen führten uns zum Rektorat, einem einstöckigen Gebäude. Dort saßen sechs junge Männer auf ihren Schlafsäcken im Foyer vor dem Büro des Rektors - das waren die Besetzer.

          Gehört der Vollschleier dazu?

          Ich fragte, was sie mit ihrer Aktion bezweckten. „Wir wollen“, sagte ihr Sprecher, „dass unsere Frauen nach den Regeln unserer Religion studieren können.“ „Die wären?“ „Ihnen muss erlaubt sein, in islamischer Kleidung zu studieren und Prüfungen abzulegen.“ „Mit dem Niqab, dem Vollschleier ?“ „Ja, das ist die Kleidung, die uns der Islam vorschreibt.“

          „Aber dann kann man doch gar nicht erkennen, wer einem gegenübersitzt und wer die Prüfung ablegt“, wandte ich ein, um die praktischen Probleme der Identifizierung bei Prüfungen anzusprechen. „In Oxford darf man auch Burka tragen. Wir beanspruchen Minderheitenschutz. Es ist unsere Freiheit. Die Zeit der Unterdrückung ist vorbei“, erwiderte der Sprecher der Besetzer.

          „Du kannst mich nicht befreien, wenn du mir meine Rechte nimmst“ stand auf einem Plakat im Unifoyer, das eine verschleierte Frau zeigte. Die Islamisten fühlen sich befreit, weil sie unter Ben Ali verfolgt wurden und jetzt keiner Kontrolle mehr unterliegen. Sie reden von Würde und verkünden, die westliche Freiheit sei nur Willkür und Korruption. Als Beweis führen sie ihre eigene Armut und Frömmigkeit an. Sie sagen, ihre Religion sei der wortgetreue Islam und dessen Gesetz die Scharia. Diese interpretieren sie als Allahs Gebot, das, wie auch das islamistische Vergeltungsprinzip, das Familienrecht und das islamische Strafrecht, über den von Menschen gemachten steht.

          Die Karikatur einer Weltregion

          Szenenwechsel: In Brüssel wird nach einem Bericht von CBN im Jahr 2030 die Mehrheit der Bevölkerung Muslime sein. Schon heute agitiert eine Salafistengruppe unter dem Namen „Sharia4Belgium“ für die Einführung islamischen Regeln. Ihr Sprecher Abu Imran sagt offen, worum es der Gruppe geht: „Demokratie ist das Gegenteil von Islam. Allah sagt, was erlaubt und was verboten ist.“ Und weiter: „Ein demokratischer Muslim ist so absurd wie anzunehmen, es gäbe christliche Juden.“ Auch in solchen Auffassungen unterscheiden sich die Salafisten grundlegend von anderen Muslimen und moderaten islamischen Parteien, die zwar auch die Scharia wollen, aber nicht als juristische Kategorie. Die Salafisten fälschen den Islam, indem sie ihn auf eine Ideologie reduzieren, in der den Gläubigen unbedingter Gehorsam abverlangt wird. Das dem siebten Jahrhundert entlehnte Weltbild dieser Vereinfacher ist die Karikatur einer Weltreligion; die Zuspitzung auf die Frage Himmel oder Hölle ist ihr politisches Programm.

          Auch die Koranverteiler in deutschen Fußgängerzonen argumentieren nach diesem schlichten Muster. Wir sollten es uns darum nicht zu einfach machen und glauben, dies alles geschehe zufällig und der Initiator der Aktion sei ein Einzelgänger. Denselben Argumentationsmustern und Typen bin ich auf meiner Reise auch in Luxor, in Kairouan oder in Marrakesch begegnet. Ganz so, als hätten alle dieselbe Koranschule in Riad besucht.

          Reliogionsfreiheit gegen Meinungsfreiheit

          Überall und teilweise mit Erfolg versuchen die mit Petrodollars finanzierten Salafisten ihre immergleiche Strategie durchzusetzen, öffentliche Plätze zu besetzen, als Freiheitskämpfer, Moralapostel und die wahren Gläubigen wahrgenommen zu werden. In Ägypten wurde die „Partei des Lichts“, wie sie sich dort nennen, mit fast dreißig Prozent ins Parlament gewählt, in Tunesien besetzen sie Universitäten und Moscheen und predigen im Parlament, in Marrakesch rasen sie mit Mopeds und „Allah-Akbar“ Rufen durch die Medina, bei uns beten sie öffentlich und auf Youtube.

          Theologisch betrachtet sind diese Islamisten ein mittelalterlicher Scherz, Scheinheilige. Optisch eher Islampunks mit Käppi und Zauselbart, sind sie jedoch so ernst zu nehmen wie der schwarze Block. Reaktionäre glänzen selten durch intellektuelle Leistungen, sondern meist durch ihre Aggressivität, Dreistigkeit und die schlichte, ahistorische Freund-oder-Feind-Weltsicht.

          Wie reagieren die hiesigen Medien und die Öffentlichkeit? Zunächst einmal hilflos. Die Tagesschau zeigt ältere Damen, die von freundlichen Männern mit Strickkäppis Bücher entgegennehmen, man verbreitet die Legende von angeblich 25 Millionen Gratis-Koranexemplaren, die verteilt werden sollen. Die Politiker wägen Religionsfreiheit gegen Meinungsfreiheit ab und hoffen, das nichts passiert.

          Die Scharia darf nicht als Familiengesetz gelten

          „Über die Wichtigkeit der Lektüre des Koran für alle (...) besteht kein Zweifel“, erklärt der Koordinierungsrat der Muslime (KRM) zu der Koranverteil-Aktion. Man erhoffe sich, dass das heilige Buch dadurch nicht „instrumentalisiert“ wird. Ali Kizilkaya, der Sprecher des KRM sieht die Aktion „nicht als Grund zur Beunruhigung“, und der Generalsekretär des Zentralrats der Muslime, Ayman Mayzek, hält die Verteilung des Korans „grundsätzlich“ für eine „vielversprechende Tat“, begründete dies mit Weisheit, die dem Koran innewohne, und der Einladung zum Dialog. Keine Empörung und kaum Hinweise auf die antidemokratischen Ziele dieser Sektierer, keine Auseinandersetzung mit deren religiösem Eifer, sondern nur die Sorge um ein weiteres „belastendes Diskussionsfeld“.

          Das Bild des Islam kann sich nur verbessern, wenn die Muslime und ihre Verbände aktiv die Religionsfreiheit gegen solchen Missbrauch verteidigen. Wenn sie die demokratischen Rechte nicht nur zu ihrem Schutz beanspruchen. Dazu gehört es, sich offen von der politischen Ideologie der Islamisten abzugrenzen. Die Muslime selbst müssen in das von Fundamentalisten und Terroristen besetzte Herz der Finsternis ihrer Religion blicken und sich als wehrhafte Demokraten positionieren.

          Sie könnten zum Beispiel mit einer Erklärung auf der Islamkonferenz in dieser Woche zeigen, dass sie die salafistische Auffassung ablehnen, dass die Scharia nicht als Straf- und Familiengesetz gelten darf und das die Gefahr des Fundamentalismus in den eigenen Reihen lauert.

          In Tunis fand sich kein Student, kein Professor, weder Politiker noch Imam, um den Salafisten entgegen zutreten. Alle hatten Angst, sich mit ihnen anzulegen - zum einen, weil sie die „Ungläubigen“ tatsächlich bedrohen und zum anderen, weil niemand als Feind der neuen Freiheit gelten möchte. Erst als zweihundert französische Universitäten die Besetzung der Manouba-Universität als Meinungsterror und Akt gegen die Freiheit der Wissenschaft ächteten, reagierte das von der islamistischen En-Nahda-Partei geführte Bildungsministerium und beendete die vorher mit Wohlwollen geduldete Besetzung. Es war nicht viel mehr als ein Streifenwagen nötig. Am nächsten Tag kamen die Studentinnen wieder zum Studieren an die Universität. Einige mit Niqab.

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