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Gender-Sprache im Duden : Unter dem Muff von hundert Jahren

Schläft da ein Student? Oder ein Studierender? Können denn Studierende überhaupt schlafen? Bild: Barbara Klemm

Jetzt knickt auch noch der Duden ein: Die Anhänger des sprachlichen Genderns wollen uns Vorschriften machen, kennen aber die Sprachgeschichte nicht. Ein Gastbeitrag.

  • -Aktualisiert am
          12 Min.

          Der Streit über Sinn und Unsinn von Bemühungen um einen Umbau des Deutschen zur geschlechter- oder gendergerechten Sprache spitzt sich zu. Er hat auch die Mitte der Sprachwissenschaft erreicht, die ja in der Lage sein sollte, solche Aspekte fachgerecht zu beschreiben und zu bewerten. Aber das ist sie nicht. Gerade hat der Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Sprachwissenschschaft (DGfS), des größten und mit Abstand mächtigsten Berufsverbandes der Disziplin, einen Blog gestartet, in dem die Mitglieder sich zum Antrag auf Änderung der Satzung im Sinne einer „geschlechterinklusiven Schreibung“ – das ist eine konsequente Schreibung mit Genderstern – äußern sollen.

          Gleichzeitig wird eine von etwa zweihundert Sprachwissenschaftlern unterzeichnete Erklärung lanciert, die Kritikern des Sprachgenderns – im konkreten Fall festgemacht an einem Artikel des Bamberger Kollegen Helmut Glück – polemische Unwissenschaftlichkeit vorwirft. Dieser Text (hier zitiert als „Beitrag“) wird in Heft 1/2021 der Zeitschrift „Forschung und Lehre“ abgedruckt. Er beansprucht, für die Mehrheit der sprachwissenschaftlichen Community zu sprechen, und bezeichnet Kritiker als „vereinzelte (vorwiegend männliche) Sprachwissenschaftler*innen“. Trotz dieses unangenehmen Beiklangs versichert der Autor des vorliegenden Textes, dass seine Kritik an gendergerechter Sprache nicht das Geringste zu tun hat mit einem lebenslangen Engagement für Gleichberechtigung und sogar Gleichstellung von Frauen und sexuell besonders orientierten Personen.

          Passend zu beiden Aktionen hat der Duden begonnen, sein Online-Wörterbuch auf gendergerechte Sprache umzustellen. War eine der Bedeutungsangaben bei fast allen maskulinen Personenbezeichnungen bisher geschlechtsneutral, so wird sie jetzt nur noch mit dem Merkmal ‚männlich’ gebucht. Ein Jugendlicher war bis vor kurzem „eine Person im Jugendalter“ und wurde jetzt zu „männliche Person im Jugendalter“. Als Beispielsatz dient dem Duden „die Veranstaltung wurde vorwiegend von Jugendlichen besucht“, womit eindeutig Personen jederlei Geschlechts gemeint sind. Der Duden kündigt an, er werde das gesamte Wörterbuch so umstellen. Damit wird es voll von unzutreffenden Bedeutungsangaben und unbrauchbar. Der Duden bildet sich offenbar ein, er könne auf diese Weise den allgemeinen Sprachgebrauch manipulieren, um dann festzustellen, der Gebrauch habe sich verändert und er folge ihm. Man kann das nur als skandalösen Fälschungsversuch bezeichnen.

          Beide der zuerst genannten Initiativen sind anonym. Man erfährt weder, wer die Initiatoren sind, noch erfährt man, welche Kritik es an der bisher geltenden Satzung der Gesellschaft und welche Kritik es an der konkreten wissenschaftlichen Arbeit der Kritiker des sprachlichen Genderns gibt. Unbezweifelbar ist allerdings, dass beide Initiativen darauf hinauslaufen, den Gegenstand der Sprachwissenschaft zu desavouieren. Seine Bedeutung für die Disziplin als empirische Wissenschaft – das ist die Sprache und nur die Sprache – wird negiert. Ihr wird buchstäblich der Boden unter den Füßen weggezogen. Denn wo bleibt eine Disziplin, die ihren Gegenstand erst einmal politisch zurichtet, statt ihn zu bearbeiten, wie er ist?

          Der Genderstern wird in Wortformen eingefügt oder ihnen angehängt, um zu zeigen, dass sie sämtliche möglichen Geschlechter einbeziehen, auch sexuelle Orientierungen wie lesbisch, trans, queer, bi, schwul, inter, divers und andere. Welche Orientierungen im Einzelfall gemeint sind und welchen Status der Stern als sprachliches Element hat, bleibt in aller Regel außer Betracht. Der Stern macht nichts sichtbar als den Stern. Etwas darstellen setzt in allen Bedeutungsvarianten des Verbs jedenfalls strukturelle Beziehungen des Resultats der Darstellung zum Dargestellten voraus, und Abbildung verlangt zumindest irgendeine Art von Ikonismus.

          Was empfohlen wird, taugt nicht: Der falsche Glottisschlag

          Der Stern hat mit all dem nichts zu tun. Die Erläuterungen sind beliebig. Jeder sagt, was ihm gerade einfällt. Auch eine Berufung auf die Arbitrarität sprachlicher Zeichen hilft nichts. Arbitrarität sprachlicher Zeichen ist durch deren interne Kombinatorik und externe Vernetzung hochgradig relativiert, nicht jedoch beim Stern. Wenn der „Beitrag“ großzügig feststellt, es gebe „auch unter den Befürworter*innen geschlechtergerechter Sprache sehr unterschiedliche Auffassungen ... ob und in welchem Maße . .. Schrägstrich, Gender-Gap, Gendersternchen oder Doppelpunkt geeignet sind, Geschlechterdiversität abzubilden“, dann mag es lebhafte Debatten geben. Aber sie bleiben Selbstzweck, weil all die Zeichen sprachlich dasselbe leisten, nämlich nichts. Auch ein Dreieck, Kreis, Kreuz oder A bis Ω wären gleich unwirksam verwendbar.

          Wozu dient der Stern also? Eine explizit politische Einlassung auf einer Delegiertenkonferenz der Grünen 2015 in Berlin lautete: „Um sicherzustellen, dass alle Menschen gleichermaßen genannt und dadurch mitgedacht werden, wird in unseren Beschlüssen ab jetzt der Gender-Star benutzt. Transsexuelle, transgender und intersexuelle Personen werden so nicht mehr unsichtbar gemacht und diskriminiert.“ Hier wird keine intendierte Bedeutung oder sprachliche Funktion genannt, sondern eine Einstellung des Benutzers. Dieser stellt etwas sicher und folgt damit der Vorgabe, die mit dem Stern verbunden ist. Das ist, zurückhaltend formuliert, eine Geste der Anerkennung für ein bestimmtes Verständnis von sprachlicher Sichtbarmachung. Weniger zurückhaltend formuliert, handelt es sich um das Einfordern einer Unterwerfungsgeste. Der Genderstern ist ein sprachlicher Gesslerhut, mit dem signalisiert wird, dass sein Träger einer von den Proponenten vertretenen Geschlechterideologie folgt. Eine ausgeführte Grammatik des Sterns liegt nicht vor.

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          Von Amerika bis Japan : Das Gendern der andern Bild: DPA

          Die einfachste und verbreitetste Verwendung des Sterns ist die in Formen wie Antragsteller*innen, Kandidat*innen oder einfacher Leser*innen. Er steht hier zwischen der maskulinen Form er und der femininen in. Die Gesamtform ist Plural der femininen Form Leserin. Für Formen mit mehreren Suffixen gilt im Deutschen die fundamentale Regel, dass die Grammatik der Gesamtform vom letzten Suffix bestimmt wird. Das ist die feminine Form auf in. Es trifft nicht zu, dass, wie häufig behauptet wird, das maskuline er und das feminine in gleichberechtigt seien. Dominant ist das feminine Suffix, das maskuline ist für das Genus der Gesamtform bedeutungslos. Man erkennt das schon daran, dass in auch ohne er auftreten kann, etwa in Wörtern wie Gattin, Lettin, Ärztin. Auch der Stern kommt strukturell nicht zum Zuge, er steht ja nicht am Ende, sondern vor dem femininen Suffix. Die Gesamtform ist auf jeden Fall feminin, gleichgültig, wie der Stern strukturell verortet wird. Wer einmal einen etwas längeren durchgesternten Text gelesen hat, wird den Eindruck bestätigen, es sei ausschließlich von weiblichen Personen die Rede gewesen.

          Schwierigkeiten gibt es auch, wenn man den Singular von Leser*innen zu bilden versucht. Es ergibt sich Leser*in. Die Form ist feminin, aber was bezeichnet sie? Einzelne Personen, die alle Geschlechter haben? Oder Frauen dieses Typs? Und wie lautet die maskuline Form dazu? Etwa Leser*? Damit kommt man nicht weiter. Ganz neue Fragen ergeben sich, wenn Substantive im Kontext von Artikel, Pronomen und Adjektiv in den Blick kommen. Wir beschränken uns auf ein Beispiel aus der geplanten Satzungsänderung. Gegendert ergeben sich Phrasen wie jede*r Wahlberechtigte. Einmal abgesehen von der Frage, was der Stern beim Artikel, Pronomen oder Adjektiv überhaupt bedeuten soll, erscheint beim Pronomen jetzt die Reihenfolge fem – mask. Bisher hatten wir mask – fem. Ist die Reihenfolge gleichgültig? Die Reihenfolge ist eins der wichtigsten sprachlichen Formmittel überhaupt, hier wird es außer Kraft gesetzt.

          Nun zur Aussprache von Wörtern mit Stern. Empfohlen wird, ihn als glottalen Verschlusslaut („Glottisschlag“) am Punkt seiner Position im geschriebenen Wort zu realisieren, also zum Beispiel als Leser?innen. Regulär steht der Glottisschlag an möglichen Wortanfängen, die ohne ihn vokalisch wären, z. B. ?achten wie in be?achten. Damit kann die prominente erste Silbe des Stammes stets mit einem Konsonanten anlauten, auch wenn dieser Konsonant „?“ nicht geschrieben wird. Das Deutsche genügt so einem universell, für alle Sprachen gültigen Silbenbaugesetz. Es besagt, die ideale Silbe beginne niemals mit einem Vokal.

          Die zweite Funktion des Glottisschlags findet sich in Fremdwörtern vom Typ na?iv, Po?et, aktuell, ideal. Hier steht er, wenn die Kerne von zwei Vollsilben (zwei Vollvokale) unmittelbar aufeinander folgen. Die Struktur galt schon der antiken Aussprachelehre als unbequem und unelegant, sie war zu vermeiden. Man bezeichnete sie als Hiat (griechisch „Abgrund“). Dieser Typ von Hiat kann im Gegenwartsdeutschen mit dem Glottisschlag überbrückt werden.

          Andauernd wird behauptet, der Glottisschlag am Punkt des Gendersterns sei im Deutschen regelhaft, weil er auch sonst wortintern vorkomme. Das trifft nicht zu. In einem Wort wie Leser?innen gibt es keinen Hiat, ganz im Gegenteil. Der Glottisschlag steht hier nicht einmal an einer Silbengrenze, sondern an einer Morphemgrenze, nämlich vor in, die zugehörige Silbe lautet rin. Das führt zur Verschiebung des Hauptakzents weg vom Stamm auf das feminine in, womit eine weitere fundamentale Regularität des Deutschen verletzt ist. Wer überhaupt sprachliche Fakten anerkennt, gelangt zu dem Schluss, dass die Verwendung von Stern und vergleichbaren Zeichen schon aus sprachinternen Gründen sowohl im Geschriebenen als auch im Gesprochenen zu unterbleiben hat.

          Über das substantivierte Partizip I vom Typ Lesender, Wählender, Zuhörender, das anstelle von Nomina Agentis wie Leser, Wähler, Zuhörer verwendet wird, ist viel geschrieben worden. Der „Beitrag“ meint, die Ersetzung von Zuhörer durch Zuhörende zeuge nicht von Kenntnismangel, „sondern vielmehr von umfassender Kenntnis der Flexibilität, die sprachliche Zeichen aufweisen“. Was damit gemeint sein könnte, bleibt unklar. Ebenso ungesagt bleibt, dass der übergeordnete Zweck der Ersetzung darin besteht, das Nomen Agentis auf er verschwinden zu lassen, es durch partizipiale Substantive zu ersetzen. Und diese Aktion ist alles andere als eine Kleinigkeit.

          Holzfigur mit Gendersternchen
          Holzfigur mit Gendersternchen : Bild: Picture-Alliance

          Beide Typen sind im Gegenwartsdeutschen unterschiedlich produktiv, wobei es der Typus Leser während der vergangenen etwa zweihundertfünfzig Jahre auf viele tausend Wörter gebracht hat, die im allgemeinen Gebrauch sind und sich auch in mittelgroßen Wörterbüchern finden. Der Typ Zuhörender hat es auf etwa zwei Dutzend Wörter gebracht, deren Mehrheit solche wie Vorsitzender, Reisender, Badender, Mitwirkender, Liebender, Lebender, Sterbender, Leidender, Notleidender, Klagender und Fragender umfasst. Das Partizip I selbst ist hochproduktiv, es kann mit beinahe sämtlichen Infinitiven gebildet werden. Dass es so wenige Substantivierungen gibt, liegt nicht an fehlender Basis, sondern an einer Hemmung, diese zu substantivieren. Die Hemmung wird von der Genderlinguistik nicht respektiert; sie wird übergangen, und wir erhalten Wörter, die grammatisch möglich, in vielen Fällen aber sprachlich unangemessen sind. Berüchtigte Fälle dieser Art sind etwa Einwohnender, Zu-Fuß-Gehender, Nichtglaubender, Lkw-Fahrender, Migrierender, Präsidierender, Lieferierender und viele andere.

          Die Pluralformen solcher Wörter sind, wie alle substantivischen Plurale, genuslos; das macht sie attraktiv fürs Gendern, und längst haben sie ähnliche Signalwirkung wie der Stern. Wer sie verwendet, zeigt, dass er genderwillig ist, egal, was sonst noch passiert. Dreierlei fällt ins Auge. Erstens: Leser und Sprecher sind nicht bedeutungsgleich mit Lesender und Sprechender. Das Nomen Agentis bezeichnet Personen, die in irgendeiner Weise die vom Verb bezeichnete Tätigkeit vollziehen oder nicht vollziehen. Die Bedeutung des substantivierten Partizips ist enger; es geht nicht um die Tätigkeit als solche, sondern um eine aspektuelle Überformung derselben.

          Die Tätigkeit befindet sich im Verlauf, sie ist unabgeschlossen und in aller Regel an kontextuell gegebene Gleichzeitigkeit gebunden. Diese Bedeutung des Partizips brauchen wir häufig, ihre Substantivierung aber nicht. Ein Musterbeispiel dafür ist die Verteilung der Wörter Student und Studierender im Werk von Goethe. Beider Vorkommen ist nach Ausweis eines noch unveröffentlichten Teils des Goethe-Wörterbuchs in seinem Werk dreistellig, aber austauschbar sind die Wörter nicht. Studierender bleibt in den meisten Vorkommen näher beim Verb als Student. Differenzierungen solcher Art sind dem Gendern fremd. Es geht ihm nicht um die Ausdruckskraft unserer Sprache, sondern um die eigenen Zwecke, von denen die Mittel geheiligt werden.

          Es war einmal ein Partizip: Die unpassende Substantivierung

          Zweitens: Der Umgang mit dem substantivierten Partizip I ist auch ein schönes Beispiel für das Verständnis von Sprachwandel in der Genderlinguistik. Hier soll ein unproduktiver Typus einen hochproduktiven ersetzen. Es soll ein grammatischer Wandel erzwungen werden, den es in der Sprache nicht gibt. Sicher, Sprache verändert sich. Der „Beitrag“ findet dafür die Formulierung, dass Sprache „sich auch in Reaktion auf gesellschaftliche Wandlungsprozesse weiterentwickelt“. Das Deutsche tut genau das seit mehr als tausend Jahren, aber eben nicht nach dem Willen sprachunkundiger Herrinnen, die meinen, sie wären Träger gesellschaftlicher Veränderungen und wüssten es deshalb besser als eine tausendjährige Sprachgeschichte.

          Drittens: Aber warum orientiert man sich nicht am Plural der er-Substantive, der doch ebenfalls genuslos ist? Die Frage wird nicht gestellt, weil ihre Antwort einfach niederschmetternd ist. Der Plural von Leser lautet Leser, er hat im Nominativ dieselbe Form wie die genusbehaftete Form im Singular. Das macht ihn unbrauchbar fürs Gendern. Ihr Fahnenwort ist nicht Vermeidung von Diskriminierung, sondern Sichtbarkeit und Unterwerfung.

          Nun zum wohl bestgehassten Begriff der Genderlinguistik. Luise Pusch hat ihn früh stigmatisiert mit Formulierungen wie „Kurz, der wahre Feind ist das ,generische Maskulinum‘, das zu gebrauchen uns die deutsche Grammatik vorschreibt“. Hauptträger des generischen Maskulinums ist die Agensnominalisierung auf er. Nach Auffassung großer Teile der Genderlinguistik bezeichnet Leser männliche Personen, die lesen, so wie Leserin weibliche Personen bezeichne, die derselben Tätigkeit obliegen. Letzteres trifft zu, Ersteres ist unzutreffend. Mit Leser kann man sich auf männliche Personen beziehen, die lesen, aber es geht auch anders. An dem Satz Die meisten Leser von Christa Wolf sind Frauen ist nichts Auffälliges. Dagegen ist der Satz Nur wenige der Leserinnen von Christa Wolf sind Männer sinnlos. Er hat im Deutschen keine Bedeutung.

          Satztypen dieser Art sind Legion und müssten eigentlich ausreichen, um dem generischen Maskulinum ein Lebensrecht zu sichern. Um es ihm abzusprechen, gibt es viele Strategien. So steht im „Beitrag“: Es „konnte gezeigt werden, dass bei belebten Referenten durchaus eine Verbindung zwischen Genus und Sexus besteht“. Niemand hat das bestritten. Und diese Erkenntnis hat, anders als insinuiert, nicht das Geringste mit dem generischen Maskulinum zu tun. Dasselbe gilt für die Einlassung des Duden, das generische Maskulinum sei eine Gewohnheit im Sprachgebrauch, die man ändern könne. Im System sei es nicht verankert. Was glaubt der Duden, wo grammatische Kategorien verankert sind, wenn nicht im Sprachgebrauch? Vielleicht in einer frei erfundenen Sprachnorm, die sich der Duden, die Genderfraktion oder Bastian Sick ausgedacht hat?

          Bestgehasst bedeutet nicht viel: Das generische Maskulinum

          Vor knapp hundert Jahren stellte der Sprachwissenschaftler Roman Jakobson nach Bearbeitung des russischen Kasussystems dieses Denkschema in Frage. Jakobson stellte fest, dass der Nominativ weniger Bedeutungsmerkmale hat als der Akkusativ und schon deshalb bei mehr Verben stehen kann als dieser. Das Deutsche verhält sich hier wie das Russische. Während jedes Verb des Gegenwartsdeutschen einen Nominativ als grammatisches Subjekt nehmen kann, ist die Zahl der Verben mit Akkusativ zwar riesig, aber systematisch beschränkt. Solche wie gefallen, staunen, sterben stehen niemals mit Akkusativ, wohl aber mit Nominativ (Der Schuh gefällt ihr; Der Fachmann staunt; Die Wahrheit stirbt nicht).

          Inklusive Sprache: Wen meint das generische Maskulinum eigentlich mit?
          Inklusive Sprache: Wen meint das generische Maskulinum eigentlich mit? : Bild: dpa

          Im weiteren Verlauf des zwanzigsten Jahrhunderts wurde Jakobsons Ansatz zur sogenannten Markiertheitstheorie ausgearbeitet. Sie besagt: Wenn eine einfache grammatische Opposition durch zwei Kategorien gekennzeichnet ist, dann verhalten sich die beiden Kategorien unterschiedlich. Während die eine durch ein festes Merkmal gekennzeichnet ist, bleibt die andere allgemein. Die mit dem festen Merkmal heißt „markiert“, die andere heißt, leider etwas gegenintuitiv, „unmarkiert“. So hat der Plural als markierte Kategorie das Merkmal „Mehrzahl“, es ist ihm fest zugeordnet. Der Singular hat aber trotz seiner Bezeichnung nicht unbedingt das Merkmal „Einzahl“, wie man sofort an Beispielen wie Der Ochse ist ein Rindvieh sieht.

          Für das Deutsche ist sie weit ausgearbeitet. Wir wissen gut über die Markiertheitsverhältnisse auch in der Morphologie und in der Syntax unserer Sprache Bescheid. So ist das Präsens im Tempussystem unmarkiert. Es kann sich auf „Gegenwart“ beziehen, kann aber auch bei Zukunftsbezug wie in Morgen regnet es oder bei Zeitlosigkeit wie in Lügen haben kurze Beine, bewusste Fehlanalysen ebenfalls verwendet werden.

          Für das Genus von Personenbezeichnungen ist das Maskulinum unmarkiert. Das Maskulinum kann einen Bezug auf „männlich“ haben, ist aber in riesigen Wortklassen wie den Agensnominalisierungen auf er, bei Substantiven auf ling (Säugling, Prüfling) oder bei Fremdwörtern auf ist (Kommunist, Realist), ant (Migrant, Intrigant), ent (Präsident, Student), or (Lektor, Professor) und anderem auch ohne Sexusbezug verwendbar und heißt dann seit einiger Zeit generisches Maskulinum.

          Das Deutsche ist voll von generischen Kategorien. Sie dienen nicht, wie Pusch meint, einem Zwang, sondern sie dienen der Befreiung von kommunikativen Zwängen durch die Grammatik. Wir müssen eben gerade nicht in jedem Satz einen Zeitbezug, bei jedem Nominal einen Numerusbezug und bei jedem Substantiv einen Sexusbezug realisieren. Leider haben sich die Kategorienbezeichnungen der Grammatikschreibung vor Jakobson bis heute weitgehend erhalten, und so kommt es dazu, dass man noch immer und sachlich ganz unangemessen vom grammatischen Geschlecht mit den Kategorien „weiblich“ und „männlich“ spricht. Sachlich, systematisch und wissenschaftlich ist das durch nichts gerechtfertigt. Und eine Disziplin, die sich dem verschließt, den Namen Jakobson nicht würdigt und das Verhältnis von Genus und Sexus mit untauglichen Begriffen bedient, befindet sich nicht einmal auf dem Stand von vor hundert Jahren.

          Die Genderlinguistik verhält sich zu großen Teilen wie ein Schlosser, der seinen Hammer wegwirft und versucht, ihn durch einen Feldstein zu ersetzen. Damit kommt er nicht zurecht, so wie die Genderlinguistik viele untaugliche Versuche unternimmt, sich geschlechterneutral auszudrücken, obwohl wir das generische Maskulinum haben. Wenn etwa die Präsidentin der Universität Leipzig Anreden wie Herr Professorin einführt, etabliert sie nicht ein generisches Femininum, sondern ungrammatische Ausdrücke. Es sind Oxymora vom Typ Contradictio in adjecto, deren häufige Verwendung zu kognitiven Schäden vom Typ Realitätsverlust führen kann. Möglicherweise sollte der Duden das einmal reflektieren, der nun, wie gestern bekanntwurde, in gendersensibler Sprache überarbeitet werden soll.

          Richtig ist, dass die Etablierung eines generischen Maskulinums im Deutschen historisch mit der gesellschaftlich absolut dominanten Rolle des Mannes begründet ist. Die kann und sollte man ändern, aber nicht gegen die Sprache, sondern mit ihr. Allein sprachliche Aufmerksamkeit wäre die halbe Miete. Das generische Maskulinum wird uns noch eine Weile erhalten bleiben, gerade weil es und nur es sexusneutral ist.

          Peter Eisenberg war bis zu seiner Emeritierung Professor für Deutsche Sprache der Gegenwart an der Universität Potsdam.

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