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Islamischer Staat : Wir müssen hinsehen und handeln

Najlaa Matto (rechts) nimmt Abschied von Düzen Tekkal, bevor sie sich auf die gefährliche Reise in ihr zerstörtes Heimatdorf im Nordirak macht. Bild: Hawar

Der Dokumentarfilm „Jiyan – Die vergessenen Opfer des IS“ arbeitet den Völkermord an den Jesiden auf. Das Schicksal gerade der Kinder und Frauen ist erschütternd.

          4 Min.

          Die Bilder lassen einen nicht mehr los. Die Kinder gucken mit aufgerissenen Augen in die Kamera, sie weinen bitterlich, manche erstarren, sie haben Angst, sie sind verdreckt und bitterarm. Es sind Kinder der Jesiden. Sie ziehen mit den Erwachsenen, die vor den Terroristen des IS ins Sindschar-Gebirge im Nordirak fliehen. Unfassbares Leid zeichnet die Menschen, die von den Islamisten als „Ungläubige“ verfolgt werden. Frauen und Männer weinen, manche sterben auf dem Weg.

          Hannah Bethke
          (hbt.), Feuilleton

          Der IS kesselte die Menschen im Gebirge ein. Schätzungen zufolge ermordete die Terrormiliz über fünftausend Jesiden. Mehr als siebentausend Kinder und Frauen wurden verschleppt, vergewaltigt, versklavt und verkauft. Der Genozid an den Jesiden liegt fünfeinhalb Jahre zurück. Noch immer werden etwa zweitausend Jesidinnen vermisst; mutmaßlich befinden sie sich in Gefangenschaft des IS.

          Auch Najlaa Matto war eine Gefangene. Als die IS-Schergen sie verschleppten, war sie 32 Jahre alt. Der Dokumentarfilm „Jiyan. Die vergessenen Opfer des IS“ von der Journalistin und Menschenrechtsaktivistin Düzen Tekkal zeigt ihre Trauer, ihre Wut, die aus der Verzweiflung wächst, ihren Schmerz und ihre unbändige Kraft, der traumatischen Vergangenheit ins Gesicht zu sehen. „Sie haben mich gefesselt“, sagt Najlaa Matto, „meinen Mund zugedrückt, damit sie mich missbrauchen konnten. Ich hatte kein Leben mehr.“ Ihr wurde der Kiefer gebrochen. Nur schemenhaft bekommt man eine Vorstellung davon, was sie erlitten haben muss. Und schon das hält man kaum aus. Zu viel des Guten ist Mattos deutsche Synchronstimme, die gespielt dramatisch spricht. Aber der Film ist so stark, dass er dieses Manko ausgleicht.

          Das Leid eines ganzen Volkes

          Heute lebt Najlaa Matto in Deutschland. Sie beschließt, zurück nach Kodscho zu fahren, in ihr Heimatdorf im Nordirak, wo die IS-Terroristen sie entführt und ihre Eltern umgebracht haben. Düzen Tekkal begleitet sie auf ihrer Reise. Ihr Film erzählt aber nicht nur von einem Einzelschicksal. Er zeigt das Leid eines ganzen Volkes. Die nordirakische Stadt Dohuk ist nur vier Flugstunden von Deutschland entfernt. Noch immer befindet sich hier ein riesiges Flüchtlingslager, in dem mehr als dreihunderttausend Jesiden untergebracht sind. Weltweit wird ihre Zahl auf eine Million geschätzt. In Deutschland leben etwa zweihunderttausend Jesiden.

          Najlaa Matto fährt ins Flüchtlingslager. Weiße Zelte und Container prägen die braune, karge Landschaft. Kinder schauen auf das vorbeifahrende Auto. Matto besucht ihre jüngere Cousine. Die beiden Frauen fallen sich in die Arme und weinen bitterlich. Die Kamera fängt die Begegnung so nah ein, dass es schwer ist, ihnen in ihrem tiefen Schmerz zuzusehen. Mattos Cousine war auch eine Gefangene des IS. Sie ist erst fünfzehn. Sie hat lange blonde Haare und bleibt ruhig, als sie mit wenigen Worten über ihre Gefangenschaft spricht. Sie wurde als Mädchen verschleppt, zum Verkauf angeboten und mehrmals vergewaltigt. Sie hat zwei Kinder zur Welt gebracht, Kinder des IS, wie sie sagt. Ihr gelang die Flucht, ohne ihre Kinder.

          Es sind Geschichten, die Düzen Tekkal immer wieder hört. Mädchen, die im Alter von acht Jahren vergewaltigt wurden, Kinder, die brutale Massenmorde mitansehen mussten, die Zerstörung eines ganzen Volkes, das keine Heimat mehr hat.

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