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Auf in die Zukunft: Beim Chaos Communication Congress werden die Wege dafür erörtert. Bild: Andrea Diener

Chaos Communication Congress : Pfuschen im ganz großen Stil

Technischer Fortschritt oder Klimaschutz? Das Jahrestreffen der Hackerszene in Leipzig steckte voll guter Ideen, wie Technikmüll und überflüssiger Datenverkehr reduziert werden könnten.

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          In den letzten Jahren bestimmten vor allem Überwachung und Datensicherheit die Vorträge und Diskussionen auf dem Chaos Communication Congress, in diesem Jahr war es der Klimawandel, der das Motto des 36. Kongresses vorgab: „Resource Exhaustion“. Wie bekommen wir den technischen Fortschritt, den wir ja wollen, mit den endlichen Ressourcen des Planeten unter einen Hut?

          Man muss nicht so weit gehen wie die Degrowth-Bewegung, die grundsätzlich das System in Frage stellt. Man kann auch innerhalb der Verhältnisse einiges bewegen. Was das Umweltbundesamt tut, erklärte Marina Köhn, die IT-Expertin der Behörde. Seit 2012 beschäftigt sich das Amt mit der Umweltverträglichkeit von Software, die den hohen Verschleiß an Hardware mitverursacht. Die meisten Geräte werden nicht entsorgt, weil sie kaputt sind, sondern weil die neueste Software nicht mehr richtig läuft. Muss das sein, fragt Köhn, könnte Software nicht schlanker programmiert werden?

          Zurzeit verzeichneten wir einen extremen Anstieg des Energiebedarfs durch Server, allein die Bitcoin-Schürferei verbraucht im Jahr so viel Energie wie Österreich. Bis zum Jahr 2020, so der Schweriner Softwareexperte Niklas Jordan, verursacht das Internet doppelt so viel Kohlendioxid wie die weltweite Flugindustrie, die immerhin auf stattliche 830 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr kommt.

          Einfach mal das Logo komprimieren

          Daten verbrauchen Energie, pro übertragenem Gigabyte fünf Kilowattstunden. Websites werden immer umfangreicher, allerdings nicht vom Inhalt her, der schrumpft eher. Es sind vor allem Bilder und Videos, die die Sache aufblähen, dazu kommen Tracking-Scripte, bevor überhaupt das erste Pixel Content lädt. Sechzig Prozent des Datenverkehrs machen die Videos aus. Davon entfallen allein dreizehn Prozent auf Netflix, stattliche 27 Prozent auf Pornographie, rechnet Jordan vor. Würde die Wikipedia nur ihr Logo um die Hälfte komprimieren, was verlustfrei möglich wäre, könnte man dafür ein paarmal zwischen Berlin und London hin- und herfliegen.

          Wie real ist aber ein globaler Temperaturanstieg, auch das wurde gefragt? Maren Kaluza vom Helmholtz-Umweltforschungszentrum in Leipzig erklärte, wie Klimamodelle berechnet werden und wie die Modelle immer ausgefeilter wurden. Schön lässt sich das an den Sachstandsberichten des IPCC ablesen, des „Intergovernmental Panel on Climate Change“. Anfangs, vor dreißig Jahren, waren es eher schematische Erdmodelle auf Basis der physikalischen Kenntnisse. Dann kamen mehr Details dazu, Eigenschaften wie Eisbedeckung, Berge, Meere mit unterschiedlichen Tiefen sind heute repräsentiert, auch Vulkanaktivität, Flüsse und der Kohlendioxidkreislauf. Schließlich Vegetation, Ozon und Biomasse. Erste Modelle basierten auf Erdoberflächenquadraten von 500 mal 500 Kilometer, die Alpen waren darauf nur zwei gelbe Pixel. Inzwischen simuliert man kleinteilig aufgelöste Flächen von 30 mal 30 Kilometern.

          Die Konferenz fand in der Leipziger Messe statt.

          Dass der Ausstoß von Kohlendioxid die Atmosphäre verändert und die Temperatur der Erdoberfläche steigen lässt, ist seit dem 19. Jahrhundert bekannt. Doch wie sich das Wetter kleinräumig und kurzfristig verändert und welche Variablen hineinspielen, war lange schwer vorherzusagen. Im Jahr 1922 rechnete der britische Meteorologe und Begründer der modernen Wetterprognose Lewis Fry Richardson zwei Jahre lang an einer Vorhersage für die nächsten zwei Stunden, nur um später herauszufinden, dass er unrecht hatte.

          Was können die Menschen tun, um den globalen Klimawandel abzuwenden? Inzwischen ist die Temperatur weltweit im Schnitt um ein Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit gestiegen. Die Frage ist nun: Wie viel Kohlendioxidausstoß können wir uns leisten, um den künftigen Temperaturanstieg moderat zu halten, also idealerweise unter zwei Grad? Damit hat sich Bernhard Stoevesandt, Aerodynamikexperte am Fraunhofer-Institut in Oldenburg beschäftigt. Es sei einfach und ernüchternd: Für anderthalb Grad Erwärmung hätten wir noch weniger 420 Milliarden Tonnen als „Kohlendioxid-Restbudget“ verfügbar – bei einem weltweiten Ausstoß von derzeit deutlich über vierzig Milliarden Tonnen. So weitermachen wie bisher können wir also noch höchstens neun Jahre, dann kippt die Sache. Hätten wir im Jahr 2000 angefangen, unsere Emissionen pro Jahr um vier Prozent zu reduzieren, hätten wir das anderthalb-Grad-Ziel Ziel leicht erreicht. Vom Jahr 2019 aus gesehen müssten wir die Emissionen um 18 Prozent jährlich reduzieren. Wenn wir ab sofort unseren CO2-Ausstoß um fünf Prozent reduzieren, können wir immerhin mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit das Zwei-Grad-Ziel noch erreichen.

          Miserable Prognosen

          Was bedeutet nun eine Erwärmung von 1,5 Grad? Eisfreie Sommer in der Arktis, fünfzig Grad in der Sahelzone. Auch Australien heizt auf, vor allem das Meer, was zum Absterben der Korallen führt. Das wiederum reduziert die Fischbestände drastisch. In Europa werden heiße Sommer mit längeren Phasen von über vierzig Grad zunehmen, alle drei bis vier Jahre könnte das dann der Fall sein; bisher kam das statistisch nur alle hundert Jahre vor. Weltweit wird die Landwirtschaft leiden, die mediterrane Region wird viel trockener, die Lebensmittelpreise werden enorm schwanken. Die Ozeane nehmen CO2 auf und versauern weiter, weshalb viele Tiere, die Kalzium zur Skelettbildung benötigen, nicht mehr wachsen. Bei anderthalb Grad sind alle diese Effekte noch zu steuern, ab zwei Grad verschieben sie sich ins Katastrophische.

          Zu einem Kongress, der Zukunft mitgestalten will, gehören nicht nur positive Utopien, die es zum Glück noch gibt. Sondern auch, sich den miserablen Prognosen zu stellen, was die Lebensbedingungen auf einer erwärmten Erde angeht. Viele wollen das nicht hören – immerhin das ist hier anders.

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