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Fillon-Skandal in Frankreich : Rache und Recherche

Start up? Wohl kaum, seine Chancen auf die Präsidentschaft schwinden: Francois Fillon. Bild: Reuters

Mit seinen Enthüllungen zerlegt der „Canard enchaîné“ den Präsidentschaftskandidaten François Fillon. Steckt hinter dem Skandal vielleicht die Rache einer Frau?

          3 Min.

          Wenn die Dramaturgie erst einmal läuft, gibt es kein Halten mehr. In der Familienserie der Enthüllungen des „Canard enchaîné“ über „The French Fillons“ läuft die dritte Folge: Nach der Beendigung ihrer jahrelangen Scheinarbeit hat die Ehefrau François Fillons, die sich als Hausfrau und Bäuerin bezeichnet, eine üppige – dem Gehalt gemäße – Abfindung bekommen. Was sie natürlich nicht daran hindern konnte, zuvor schon einen neuen Job beim Stellvertreter des zum Premierminister beförderten Ehemanns anzutreten.

          Jürg Altwegg
          Freier Autor im Feuilleton.

          Auf jede Episode reagiert François Fillon mit einer neuen Verteidigungsstrategie. Noch bevor die Wochenzeitung an diesem Mittwoch am Kiosk war, veröffentlichte er ein Kommuniqué, in dem er ihre Zahlen, angeblichen Irrtümer und „Lügen“ zu korrigieren versuchte. Zu Beginn hatte er die Brisanz der Enthüllungen völlig unterschätzt und gehofft, die Affäre aussitzen zu können. Halbwahrheiten wurden verbreitet. Fillon schwadronierte von einem „institutionellen Putsch“ der Regierung – als ob er bereits Präsident wäre. Der „Canard“ legte nach: Nicht nur die Ehefrau Fillons, auch seine Kinder hatten für ihn gearbeitet, Tochter Marie als staatlich besoldete Mitarbeiterin für ein Buch, dessen Honorare weder in die Partei- noch in die Staatskasse geflossen sind.

          „Schlag in die Magengrube“

          Zwei Millionen Franzosen saßen am Montag vor dem Bildschirm, als Fillon endlich Klartext zu reden versprach. Sichtlich angeschlagen stellte er sich den Journalisten und sprach von „lynchen“ und „Tribunal der Medien“. Seine Fehler und sein Zögern erklärte er mit dem „Schlag in die Magengrube“, den man ihm versetzt habe und von dem er sich erst habe erholen müssen. Kaum weniger groß war der Schock für seine Wähler: unbescholtene Rentner; biedere Bürger der Mittelschicht; gegen Le Pen gefeite gläubige Katholiken. Sie reagierten mit blankem Entsetzen auf den Fall ihres Hoffnungsträgers, der für die Rückkehr von Wert- und Moralvorstellungen in die Politik zu stehen schien.

          Selbst den „Canard enchaîné“ hat die Resonanz überrascht. Die erste Enthüllung wurde nur knapp angekündigt und im Innern der Zeitung abgehandelt. Seither ist ihr die Seite eins ganz und gar gewidmet. Die verkaufte Kioskauflage stieg um mehr als 100.000 Exemplare auf über 400.000, mit den Abonnements wird die halbe Million erreicht.

          Sie empfahl Journalisten per Twitter, doch einmal bei Fillon zu recherchieren: Rachida Dati.
          Sie empfahl Journalisten per Twitter, doch einmal bei Fillon zu recherchieren: Rachida Dati. : Bild: AFP

          Präsidentenwahlen sind von der satirischen Zeitschrift schon öfters beeinflusst worden. Am spektakulärsten war die Geschichte der Diamanten, die der afrikanische Diktator Bokassa Giscard d’Estaing geschenkt hatte. Zwischen zwei Wahlgängen erfolgte die Enthüllung über Tourismusminister Maurice Papon, der im Krieg als Präfekt an der Deportation von Juden beteiligt war. Unter Hollande, der lange ein Informant des Blattes war, erlebt der „Canard enchaîné“ dürftige Zeiten: Außer dem Gehalt von Hollandes Friseur – 10.000 Euro im Monat – gab es nicht viel zu berichten. Hollandes Affäre mit der Schauspielerin Julie Gayet war für die Redaktion tabu, sie respektiert das Privatleben von Politikern. Ohne Skrupel hingegen hat die Zeitung über den ganz besonders sittenstrengen Pariser Kardinal berichtet, der das Zeitliche in den Armen einer Prostituierten segnete.

          Cui bono – wer hat davon einen Nutzen? fragt Fillon und meint: Wer hat das lanciert? Hollande, bei dem er seinerseits einst vorstellig geworden war, um Sarkozy vor Gericht zu bringen, ist sein Schicksal gleichgültig. Im eigenen Lager haben indes viele eine Rechnung mit Fillon offen. Der Verdacht fällt auf die ehemalige Justizministerin Rachida Dati, die öffentlich Rache schwor. „Du willst wohl, dass ich wie meine Mutter als Putzfrau arbeiten muss“, soll sie ihm entgegengeschleudert haben, als ihr Fillon einen Wahlkreis verweigerte. Die beiden sind sich spinnefeind, seit der „Canard“ vor zwei Jahren berichtete, dass die Partei Datis Telefonrechnungen bezahlte. Dafür wurde sie von Fillon öffentlich gerügt. Daraufhin riet sie per Twitter den Medien, sich in Sachen Transparenz mit seinen parlamentarischen Mitarbeitern und seiner Beratungsfirma zu befassen.

          Paris : „Penelopegate“ raubt Fillon Rückhalt bei den Franzosen

          Seit Wochen sind die Journalisten Fillon auf den Fersen, und sie haben ihn, wie es das Gesetz vorschreibt, mit den Vorwürfen konfrontiert. Regelmäßig berichteten sie seinerzeit über seinen Missbrauch der Regierungsflugzeuge für die Heimreise in sein Schloss, doch die Öffentlichkeit interessierte sich nur für Sarkozy. Fast erschreckender als die jetzige Enthüllungsserie ist die Reaktion des Politikers, der Präsident werden will. Er hielt sich wohl bis zuletzt für unantastbar. Inzwischen hat sich Fillon dafür entschuldigt, dass er zu spät begriffen habe, wie sich die Öffentlichkeit in diesen Fragen gewandelt habe. Doch nun ist es zu spät. Die Affäre prägt den Wahlkampf. Die letzte Meldung des „Canard enchaîné“ in der Sache lautet, die Polizei habe nicht nur Belege für die Abfindung für Fillons Frau Penelope gefunden, sondern auch keinerlei Hinweise auf irgendeine nachweisbare Tätigkeit, für die sie das Geld erhielt. Fortsetzung folgt.

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