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Der „Blaue Wittelsbacher“ : Ein Schnäppchen im Vergleich zur Landesbank

Taubeneigroßer Stein von beeindruckender Qualität: der „Blaue Wittelsbacher” Bild: AFP

Der „Blaue Wittelsbacher“ zierte einst die bayerische Krone, jetzt kann ihn der Freistaat wohl nicht bezahlen. Nach einer Auktion bei Christie's 1931 verschwand der Diamant, jetzt soll er dort wieder versteigert werden - für 11,3 Millionen Pfund.

          Auch Diamanten haben ihre Geschichte. Eine die, gemessen an menschlichem Maß, unendliche Zeiträume überspannt. Denn den Stoff, aus dem heutige Begierden sind, hat die Natur unter hohem Druck und ebensolchen Temperaturen in großer Tiefe geformt. Reiner Kohlenstoff, das härteste Material. Es ist durch Vulkanismus in die oberste Erdkruste gewandert; die ältesten Diamanten sind mehr als drei Milliarden Jahre alt. Insofern berührt unsere Geschichte hier dann nur den vorläufig letzten Sekundenbruchteil im Leben eines solchen Edelsteins: Sie beginnt mit einer ersten urkundlichen Erwähnung im Jahr 1664 am spanischen Königshof.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Die Reise ans Licht tritt dieser Diamant vermutlich im frühen siebzehnten Jahrhundert in Indien an. Es gibt Grund zur Annahme, dass der blaue Stein aus den Minen des Großmoguls Jahangir stammt und von Agra aus seinen Weg an den Hof Philipps IV. gefunden hat. Der spanische König schenkt ihn seiner Tochter Teresa, was wiederum sein Hofmaler Diego Velázquez auf einem Porträt von ihr festhält. Dann wird Teresa die Gattin des Habsburger Kaisers Leopold I., der Stein mithin 1666 Teil des österreichischen Kronschatzes. Über die österreichische Erzherzogin Maria Amalia, die 1712 in München den Kurprinzen Karl Albrecht ehelicht, kommt der Diamant in den Besitz der Wittelsbacher. Auch sie erkennen seine Ausnahmestellung und würdigen ihn entsprechend. Im Jahr 1774 heißt es in einer Inventarliste: „Der grosse plaue Prilliant“ sei von so ausnehmender Schönheit, „daß keiner der gleichen zu finden ist“. Max III. Joseph lässt eine Fassung für das Goldene Vlies anfertigen, das zu Repräsentationszwecken getragen wird. 1806, als Bayern Königreich wird, findet der Diamant seinen Platz als Leitstein in der Krone.

          Nach vergeblicher Versteigerung verschwunden

          Nach der Revolution von 1918 beginnt für den „Blauen Wittelsbacher“, wie er nun allgemein genannt wird, erneut eine unruhige Zeit. Der 1923 gegründete Wittelsbacher Ausgleichsfonds sieht nämlich vor, dass Kunstgegenstände sowie Schmuck in eine Landesstiftung einzubringen sind - um sie dauerhaft in Museen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Als das Adelsgeschlecht, das Bayern mehr als achthundert Jahre lang regiert hat, 1931 wegen der Inflation und schlechter Erträge aus der Forstwirtschaft in arger Geldnot ist, genehmigt die Staatsregierung den Verkauf einzelner Gegenstände der Landesstiftung. Man entscheidet sich für Schmuckstücke, weil man diese für weniger auffällig und vermeintlich leichter verschmerzbar hält als etwa Gemälde.

          1806, als Bayern Königreich wird, findet der Diamant seinen Platz als Leitstein in der Krone

          Am 21. Dezember 1931 soll der „Blaue Wittelsbacher“ bei Christie's in London versteigert werden. Der Versuch misslingt, es findet sich kein Käufer. Die Spur des Steines verliert sich nach dieser Auktion für drei Jahrzehnte. Jedoch in München hat man ihn buchstäblich abgehakt - und aus der Inventarliste gestrichen. Anfang der sechziger Jahre taucht er in Antwerpen bei einem Juwelenhändler namens Jozef Komkommer wieder auf; der hat ihn, den Wert des Diamanten erkennend, einer Erbengemeinschaft abgekauft, die wegen eines neuen Schliffs bei ihm vorstellig geworden ist. Für 1,5 Millionen Mark bietet der Händler dem Haus Wittelsbach den Stein zum Kauf an. Herzog Albrecht aber lehnt ab. Warum er das tut, ist allerdings unklar. Und auch die Summe, sagt Andreas von Majewski, der Leiter der Inventarverwaltung beim Wittelsbacher Ausgleichsfonds, könne er nicht bestätigen. Aufzeichnungen darüber existierten nicht.

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