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Rassismus in Amerika : Make love, not war

Nichelle Nichols und William Shatner wagen 1968 den ersten schwarz-weißen Kuss in einer amerikanischen Fernsehserie: Szene aus „Raumschiff Enterprise“ Bild: Getty

Warum zwischen St. Joseph und Benton Harbor Welten liegen: Will man begreifen, was derzeit in den Vereinigten Staaten passiert, lohnt der Blick auf den eigenartigen Umgang mit dem Begriff „race“.

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          Wir denken, wir verstehen Amerika, aber wir tun es nicht. Denn wir stellen uns die moderne Gesellschaft gerne so vor wie die Vereinigten Staaten: mit einer Verfassung, mit Kapitalismus, mit Unterhaltungsindustrie und automobilisiert, konsumintensiv und hochtechnologisch. Alles, denken wir, was in Amerika existiert, gibt es ein paar Jahre – ehedem: ein paar Jahrzehnte oder ein Jahrhundert – später auch bei uns. Und weil wir so denken, denken wir falsch über Amerika, von dem wir übersehen, was in dieses Bild nicht passt. Zum Beispiel das Wort „race“.

          Nehmen wir Elk Horn, eine kleine Gemeinde in Iowa. Bei der letzten amerikanischen Volkszählung hatte sie 662 Einwohner. An Elk Horn ist nichts besonders, außer vielleicht das „Museum of Danish America“. Dänisches Amerika? So formuliert man in den Vereinigten Staaten, wenn man Einwanderer ist, und Einwanderer waren einmal so gut wie alle Familien. Jeder ist darum ein „hyphenated american“, ein Bindestrichamerikaner, und dass man von „native americans“ spricht, also selbst den Ureinwohnern ein Attribut anhängt, sagt alles. So weit, so viel Zukunft auch für uns, die wir über kurz oder lang oder schon jetzt „hyphanated europeans“ sind.

          Ein Begriff, der alles mögliche einschließt

          Elk Horn ist aber nicht nur ein Erinnerungsort der dänischen Amerikaner. Elk Horn ist auch weiß, und zwar am weißesten. In keiner anderen Gemeinde in den Vereinigten Staaten, die vom Zensus 2010 erfasst wurde, lebt ein so hoher Anteil von Menschen, die – ja was eigentlich sind? 99 Prozent der Bevölkerung sind hier weiß, und nach den Kategorien des statistischen Büros heißt das: sie stammen von Europäern oder von Familien aus dem Mittleren und Nahen Osten oder solchen aus Nordafrika ab. Von Europäern, es sei denn sie wären Spanier gewesen, denn dann ist man „Hispanic, Latino or Spanish“. Jedenfalls jetzt, früher konnte man in Amerika auch nur Hispano sein. Im Erhebungsbogen von 2010 aber hieß es, eigentlich unübersetzbar: „Für diesen Zensus sind hispanische Ursprünge keine Rassen.“

          Womit wir beim Schlüsselwort wären: Rasse. In den Vereinigten Staaten gehört jeder angeblich einer Rasse an. Darunter soll zwar, wird betont, nichts ausschließlich Biologisches verstanden werden. Vielmehr handelt es sich um einen Begriff, der alles mögliche einschließt: Aussehen, familiäre Herkunft, nationale Zugehörigkeit vor Einwanderung, Kultur. Dennoch laufen biologische Assoziationen immer mit, wenn beispielsweise in den Volkszählungen von „Rasse und ethnische Herkunft“ gesprochen wird, also das eine mit dem anderen nicht gleichgesetzt wird. Ethnisch kann man dabei übrigens nur hispanischer oder latinischer Herkunft sein oder keiner von beiden. Asiaten hingegen sind eine Rasse.

          Man muss sich diese eigenartige Redeweise klarmachen, wenn man verstehen will, was jetzt in den Vereinigten Staaten geschieht. Es handelt sich um ein Land, in dessen Universitätsverlagen, die zu den besten der Welt gehören, Bücher mit Titeln wie „Rock and Roll und die rassische Einbildungskraft“, „Die Ökonomie der Rasse in den Vereinigten Staaten“ oder „Einwanderung und Rasse. Neue Herausforderungen für die amerikanische Demokratie“ erscheinen. Keine Bücher von Rassisten, sondern Bücher von Forschern, die allen Grund zu haben scheinen, die Bedeutung dieser merkwürdigen Kategorie für ihre Gesellschaft hoch anzusetzen.

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