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Antisemitismus in England : Theater gegen den linken Judenhass

Die Dramatikerin Caryl Churchill während einer Probe, 2014 Bild: Ullstein

Das Royal Court Theatre bringt ein Stück auf die Bühne, das den Antisemitismus der Linken aufspießt. Die umstrittene Dramatikerin und BDS-Unterstützerin Caryl Churchill ist empört. Doch die Aufführung liegt richtig.

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          Die Zahl der Migranten, denen es allein in den letzten Tagen gelungen ist, mit Schlauchbooten nach England zu gelangen, hat den Briten abermals vor Augen geführt, wie schmal die Straße von Dover ist. Geht es jedoch um die Wahrnehmung kulturpolitischer Debatten auf dem europäischen Festland, wirkt der Ärmelkanal weiter als jeder Ozean. Jedenfalls ist die Nachricht von der Aberkennung des „Europäischen Dramatiker:innen Preises“ an Caryl Churchill wegen ihrer Nähe zur israelfeindlichen Bewegung Boycott, Divestment and Sanctions (BDS) noch nicht bis in die britischen Medien vorgedrungen. Das verwundert umso mehr, als die prominente Dramatikerin in ihrer Heimat unlängst wieder wegen ihrer 2009 am Londoner Royal Court Theatre uraufgeführten Polemik „Seven Jewish Children“ im Kreuzfeuer stand, die sie als Reaktion auf den Tod von „mehr als zweihundert“ palästinensischen Kindern bei der Bombardierung von Gaza geschrieben hatte.

          Gina Thomas
          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Ende September wandte Churchill sich, wie schon öfter im Zusammenhang mit Israel, mit einem empörten Leserbrief im „Guardian“ gegen die in der linksliberalen Zeitung erhobene Beschuldigung, ihr „von Juden aufgeführtes, produziertes und inszeniertes“ Stück sei antisemitisch. Churchill bemängelte, viele dieser Vorwürfe basierten auf der „absurden Vorstellung“, dass das zehn Minuten dauernde Stück die mittelalterliche Ritualmordlegende reaktiviere, der zufolge Juden christliche Kinder um ihres Blutes willen ermordeten. In dem gemeinsam mit Dominic Cooke – damals Leiter des Royal Court Theatre und Regisseur der Kurzaufführung – unterzeichneten Brief protestierte sie gegen die Ungeheuerlichkeit, eine Verbindung zwischen dem tatsächlichen Tod von Kindern und einem antisemitischen Traktat herzustellen.

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