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Muslimisch-jüdische Kolumne : Warum fällt es religiösen Menschen so schwer, Provokationen auszuhalten?

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Aber wo wird solche Kritik und Satire nur als Vorwand genutzt, um Vorurteile und Ressentiments gegen eine Minderheit zu legitimieren? Wenn in den sogenannten Mohammed-Karikaturen, die von Dänemark bis Frankreich abgedruckt wurden, Muslime als hakennasig abgebildet werden, mit einer natürlichen Neigung zu Gewalt und zur Sodomie mit Kamelen – dann reden wir über etwas anderes, nämlich über Islamfeindlichkeit und Rassismus. In der Diskussion über antisemitische Kunstwerke auf der Documenta 15 kam glücklicherweise auch niemand auf die Idee, dass die Darstellung von Juden mit blutunterlaufenen Augen, Vampirzähnen und Hakennase nur Religionskritik war.

Kritik ist nicht gleich Kritik

Und natürlich spielt der Kontext eine Rolle. Kritik an der Mehrheitsreligion hat eine andere Bedeutung als Kritik an einer Minderheit. Ein Fall aus Israel zeigt dies. Ende letzten Jahres eröffnete in Ramat Gan eines der wichtigsten Kunstmuseen des Landes nach mehreren Jahren des Umbaus gleich mit einem Skandal. Es ging um das Werk des Künstlers David Riv mit der Aufschrift „Jerusalem aus Scheiße“, auf dem orthodoxe Juden betend vor der Klagemauer abgebildet werden. Der Oberbürgermeister intervenierte und erwirkte das Abhängen des Bildes. Daraufhin zogen 45 Künstler ihre Werke aus der Dauerausstellung des Museums aus Protest zurück. Nur einen Monat nach der Eröffnung musste das Museum wieder schließen. Dabei muss man das Bild im Kontext der innerisraelischen Debatte begreifen. Riv ist ein Pop-Art-Künstler und Friedensaktivist. Er provoziert die Besucher, indem er die Glorifizierung von Jerusalem als Teil einer nationalistischen Ideologie kritisiert. Insofern hält er der israelischen Gesellschaft einen Spiegel vor. Ein solches Werk im Museum kann die ungesunde Vermischung von Nationalismus und Orthodoxie zur Debatte stellen. Es ist tragisch, dass kritische Stimmen wie Riv es in der heutigen politischen Realität in Israel immer schwerer haben.

Warum fällt es religiös erzogenen Menschen so schwer, Provokationen auszuhalten? Ob Israel, Pakistan oder Deutschland – wie kann man (religiöse) Menschen dazu befähigen, solche Provokationen und Zumutungen auszuhalten? Es muss auch an der religiösen Sozialisation liegen, dass man gleich getriggert ist, sobald eine literarische Darstellung oder ein Kunstwerk gezeigt wird, welches der eigenen Überzeugung widerspricht.

In einer pluralen Demokratie muss in der religiösen Bildung auch die Fähigkeit vermittelt werden, Kritik und Provokationen aushalten zu können. Das heißt, dass wir uns darüber Gedanken machen, wie die Liebe zur Religion weiterhin vermittelt werden kann, ohne jede abweichende Darstellung gleich als Gefahr zu sehen. Wie eine religiöse Erziehung aussieht, die sich auf ständige Provokationen einlässt, wissen wir noch nicht genau. Wir werden uns auch mal bei den Kollegen aus dem Christen-Department erkundigen.

Saba-Nur Cheema, 1987 in Frankfurt geboren, ist Politologin, Anti-Rassismus-Trainerin und Beraterin des Innenministeriums zum Thema Muslimfeindlichkeit.

Meron Mendel, 1976 in Israel geboten, ist Professor für Soziale Arbeit und Direktor der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt.

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